Vermischtes

Joseph Beuys oder Die Grünen als Kunstwerk

2021 ist ein Joseph Beuys-Jubiläumsjahr, er würde dieses Jahr am 12. Mai 100 Jahre alt. Beuys war ein Künstler, der meinte die Gesellschaft könnte von der Kunst her verändert werden. An Beuys Werken schieden sich die Geister, was Kunst sein soll. Was Beuys kreiierte und der Öffentlichkeit präsentierte, das musste Kunst sein. Dem Hausmeister wurde Beuys Hang, statt der Farbe Butter zu verwenden, zu keinem kunstvollen Ereignis, er ließ ihn von der Wand wischen. Für den Hausmeister war das offensichtlich nichts als eine Verunreinigung, die Arbeit machte.

Die Partei der Grünen, die Beuys in ihrer Anfangsphase mitgestaltete, ist sie nicht auch als ein Kunstwerk zu begreifen? Bürgerlich-konservatriven Kräften wurde diese Partei 1980 zu bunt, sie zogen bei den Grünen aus. Beuys blieb.

Was war Beuys Botschaft? Wenn Beuys sich in Szene setzte, eingwickelt in Filz, links und rechts davon jeweils ein toter Hase, um dann noch irgendwelche Laute auszustossen, sprengte das den Rahmen des bisherigen Kunstverständnisses. Der Kunstwissenschaftler Carl-Peter Buschkühle erläutert in dem Band „Nach der Postmoderne“, Beuys wollte die ferne Vergangenheit in die inszenierte Gegenwart heraufholen und „ihre physischen Eigenschaften aus der natürlichen Evolution, ihre mythischen und pragmatischen Konnotationen aus der menschlichen Entwicklungsgeschichte“ wecken. Das ist dann wohl als ein Weckruf in die Vergangenheit zu begreifen. Diese Vergangenheit zu beschwören sollte einen zukünftigen Charakter haben, in einem subtilen Umgang mit den Dingen zu treten. Das fiel vor allem aus dem Rahmen der rational verwerteten Welt.

Die Kunstwerke von Beuys waren meist kurzlebig und oft als Aktionskunst einzuordnen. Auf die Grünen trifft das gleichwohl nicht zu, sie traten zwar mit Hilfe seiner Gestaltkraft in Aktion, aber es gibt sie in einer selbstorganisierenden Gestalt in der Form einer Partei eingewickelt noch immer. Die Töne, die zu vernehmen sind, gefallen nicht allen, einigen sind sie aber auch ein hoffnungsvoll stimmender Weckruf geblieben.

(V. Kempf, 20. Januar 2021M; eine durchges. und überarb. Fassung erschien in Junge Freiheit, Ausg. vom 29. Januar 2021).

Zum Joseph Beuys Jubiläumsjahr 2021 gab es Anfang des Jahres eine Radiosendung im Deutschlandfunk.

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„Geistige Nachhaltigkeit“

Peter Sloterdijk sprach laut Bericht der Rheinischen Post vom 23. Juli 2011 auf einem Vortrag an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf über „geistige Nachhaltigkeit“. Er nannte diesbezüglich „den Christdemokraten Herbert Gruhl, den Autor Carl Amery, den DDR-Dissidenten Rudolf Bahro sowie seinen Freund Hermann Scheer“. Denn diese Persönlichkeiten hätten den „Resonanzboden geschaffen fürs wunderliche Jahr [2011]“, in dem es zum Atomausstieg gekommen sei. Sloterdijk vermochte für ein bedeutendes Ereignis in 2011 Leistungen anderer, die teilweise weit zurückliegen, anerkennend zu bedenken, ohne ins Lagerdenken zu verfallen. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil, zu oft wird gerade in Zeiten des Internets die Besserwisserei gepflegt, die auch viel einfacher ist, als jemandes Gedanken nachzuvollziehen, um sich mit ihnen ernsthaft auseinanderzusetzen.

Zum Presseartikel „Sloterdijk lobt geistige Nachhaltigkeit

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Ökologie des Menschen

Zu einer ernsthaften geistigen Auseinandersetzung hatte 2011 Papst Benedikt XVI. in seiner vor dem Deutschen Bundestag gehaltenen Rede vom 22. September eingeladen. Er ging auf das Aufkommen der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik der 1970er Jahre ein und hielt sie für berechtigt. Die Bundestagsabgeordneten der Grünen zollten auffällig starken Beifall. Benedikt XVI. fügte gleich hinzu, nicht einer bestimmten Partei das Wort reden zu wollen und zeigte auf, was bei denen, die viel von Ökologie reden, oft vergessen werde, die “Ökologie des Menschen”. Er sagte: „Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so, und nur so, vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Das sind Einsichten, die mit der Philosophischen Anthropologie von Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen durchaus konform gehen. Es gibt sogar einen „grünen“ Strang, der diese Art von Freiheit betont, aber in den Machtkämpfen bei den Grünen gekappt wurde: „Das grüne Manifest“ der Grünen Aktion Zukunft (GAZ) aus dem Jahre 1978.

(V. Kempf, am 13. Januar 2012)

Die Papst-Rede: (http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/benedict/rede.html)