Zeitgeschichtsschreibung der Gründungsgrünen

Die Grünen, das sind Karrieristen, die Sachkenntnis durch Politisierung und Publizitätseffekte ersetzen, gewann Helmut Schelsky Anfang der 1980er Jahre den Eindruck. Die Art und Weise, wie die Altvorderen in der Partei von hereinströmenden antiautoritären Jugendbewegten kaltgestellt wurden, um darauf ihre eigenen Karrieren zu gründen und noch härtere Autoritäten aufzubauen, das erinnerte Schelsky an seine eigene Studentenzeit von 1933. Aber einmal in den Parlamenten, würden diese Grünen rasch selbst zum Establishment und damit für ihre Wählerklientel uninteressant.(1)

Die Grünen wurden zum Establishment, aber am Ende war ihre Partei damit noch nicht. Erst in jüngster Zeit sucht sich eine neue Generation bei den “Piraten” ein neues Anti-Establishment und straft damit die Grünen mit Liebesentzug. Zu “spießig” sei die nunmehr schon über 30 Jahre alte Partei, lautet hier regelmäßig die Kritik. Und da der Marsch durch die Institutionen seine Spuren hinterläßt, könnte dieser Vorwurf nicht selten auch bezüglich der Parteiengeschichtsschreibung angebracht werden. Um so ungewohnter nimmt sich da Schelskys Hinweis auf die Analogie zu 1933 aus. Diese Analogie rührt daher, daß das Wirken der K-Gruppen bei den Grünen von trotzkistischen Methoden gekennzeichnet war, wie sie ähnlich schon konservative Revolutionäre anwandten. Der in den 1960er Jahren geborene Grünen-Mitbegründer Jean Fuchs hat das Treiben jener linksextremen Gruppen bei den Grünen beobachtet und in seinem 2005 veröffentlichten Buch Der grüne Verrat in einer bisher nicht gekannten Deutlichkeit beschrieben.(2)

Fuchs unterstreicht damit als Zeitzeuge Rudolf van Hüllens Dissertation Ideologie und Machkampf bei den Grünen von 1990, welche noch immer ein Meilenstein für die Erforschung der Frühphase der Grünen darstellt,(3) für manche allerdings auch einen Stolperstein, den es aus dem Weg zu räumen gilt. Hier sieht Silke Mende mit ihrer 2011 publizierten Dissertation “Nicht rechts, nicht links, sondern vorn” ihre Aufgabe. Mende behauptet hierbei gleich einleitend, van Hüllen würde sich zu einem „ideologischen Standpunkt“ bekennen – zu welchem, erwähnt sie nicht. Jedenfalls sei dies ein Standpunkt, aus dem heraus bei van Hüllen eine „sehr kritische Bewertung der linken Parteiströmungen“(4) resultiere. Mende droht damit noch hinter die Einschätzung der Ex-Maoistin Antje Vollmer zurückzugehen, nach der das „taktische Machtgefühl der alten Sprecher der radikalen Linken zu ausgeprägt“ war und folglich mit dem „konservativen und christlichen Milieu“ um Herbert Gruhl (1921–1993) innerparteilich „nicht fair“(5) verfahren worden sei.

Um so gespannter darf man auf Mendes Argumentation über den „Urgrünen“ Herbert Gruhl sein, auf den ihr Buchtitel zurückgeht und der auch die von ihr am meisten zitierte Person darstellt. Immerhin war Gruhl mit seinem 1978 von der CDU mitgebrachten Bundestagsmandat der erste „grüne“ Bundestagsabgeordnete. Er war einer der ersten drei gleichberechtigten Sprecher der Sonstigen Politischen Vereinigung/Die Grünen von 1979 und im Rotationsprinzip mit Petra Kelly Spitzenkandidat zur damaligen Europawahl. Mit seinem Bestseller Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik (1975) genoß Gruhl große Anerkennung seiner Sachkompetenz. Laut Kapitelüberschrift handelt es sich bei Gruhl um den Hauptvertreter eines „Konservatismus in Grün – die Bewahrer“(6). Als profilierter Umweltpolitiker der CDU und inspiriert von Die Grenzen des Wachstums (1972) war der promovierte Philosoph und gelernte Landwirt Gruhl durchaus ein „grüner“ Konservativer und stand als solcher Blochs Utopismus und der Kritischen Theorie skeptisch gegenüber. Aber was macht Mende daraus? Sie schreibt zunächst: „Feindbild war für ihn [Gruhl] die Industriegesellschaft als solche, ungeachtet ihrer ideologischen Vorzeichen in Ost- und West.“(7) Mit welchen Worten aber hatte Gruhl sich feindlich über die Industriegesellschaft ausgelassen? Gruhl führte in Ein Planet wird geplündert mit Blick auf die Industriegesellschaft nur aus, daß sie den „künstlichen Produktionskreis“(8) stelle, aus dem man gar nicht aussteigen könne. Er forderte daher Dinge wie den technischen Umweltschutz oder eine ökologische Steuerreform. Das zeugte von Reformbemühungen, wie sie zu einem Autor passen, der damals (seit 1969) noch für die CDU im Bundestag saß.

Das Wachstumsdenken von Karl Marx und Adam Smith habe Gruhl zu kurz gegriffen. Das dürfte unstrittig sein. Mende folgert dann aber: „Menschheit und Erde retten könne [gem. Ein Planet wird geplündert], wenn dann überhaupt noch, ein Bewußtseinswandel planetarischen Ausmaßes, weshalb Gruhl materiellen Verzicht und Geburtenkontrolle predigte und beides durch einen starken Staat Hobbes’schen Zuschnitts kontrolliert sehen wollte.“(9) Mende faßt damit das ganze Buch von Gruhl in einen Satz, aber schief, wie sich zeigen läßt. Bewußtseinswandel und materieller Verzicht waren sicher wichtige Stichworte für Gruhl. Doch eine Verzichtsethik durch Bewußtseinswandel ist etwas anderes als ein verordneter Verzicht durch einen starken Staat im Sinne von Hobbes. Ein Hobbes’sches Königreich wollte Gruhl sicher nicht, zu Statisten gewordene Politiker aber auch nicht. Was Gruhl wollte, wäre also erst einmal herauszuarbeiten.

Die Bevölkerungsexplosion war für Gruhl klar der entscheidende Parameter für die ökologischen Probleme – wie übrigens auch für Karl Popper, Werner Heisenberg und andere naturwissenschaftlich geschulte Denker. Aber einen geburtenkontrollierenden starken Staat „Hobbes’schen Zuschnitts“? Der Sache nach heißt es hierzu in Ein Planet wird geplündert, es handle sich um ein „typisch menschliches Hirngespinst“, die „einer rein mathematischen und technischen Betrachtung der Welt entsprungen“(10) sei. Ganz ähnlich äußerte sich Gruhl in seinem Spätwerk Himmelfahrt ins Nichts (1992), wenn er dort ausführte, daß das „mathematisch-geometrische Weltbild“ von Hobbes und anderen west- und mitteleuropäischen Denkern entworfen worden sei und zu einer „materialistischen Religion“(11) erhöht problematisch werde. Gruhl argumentierte also differenzierend. Er verwarf nicht ein mathematisch-geometrisches Denken (das wäre ein Plädoyer für den Irrationalismus gewesen), verabsolutierte andererseits dieses Denken auch nicht zu einem neuen Heilsglauben. Mendes Schematisierung vermag das nicht zu fassen.

Aber an einer Stelle nehme Gruhl doch eine Hobbes’sche Position vom starken Zentralstaat eindeutig ein: „’Im Kampf ums Überleben werden die Menschen auch zu allem bereit sein’“, weshalb es einer „’Weltregierung’ bedürfe, die „’mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet sein müßte’“(12). Was Mende da anführt, gehört zu dem fast 100 Seiten umfassenden Großkapitel „Die planetarische Wende“, in dem die Idee von der „einen Welt“ aufgriffen wird. Diese Idee würde konsequent zu Ende verfolgt „die Folge der Diktatur“(13) zeitigen. Eine befürchtete Folge ist nun aber das Gegenteil von einem Plädoyer für etwas und richtet sich hier gegen gut gemeinte sozialistische Weltrettungsversuche. Aber Mende schreibt unbeirrt weiter, Gruhl würde meinen: „Diese Diktatur müßte unter Umständen härter sein als die stalinistische es war, da ihr jeder Ausweg auf Kosten der Erde verwehrt ist.“ Aber warum sollte Gruhl nun Stalin, eine linkstotalitäre Diktatur befürworten? Mende glaubt offenbar, ein CDU-Mann wie Gruhl würde mit Stalin für eine diktatorische Lösung der Ökologieprobleme werben oder zumindest einen Stalinismus der Lage nach für angemessen halten. Ausgerechnet Gruhl, der selbst negative Erfahrungen mit dem Stalinismus machte und daher als Student von der Humboldt Universität zu Berlin zur neugegründeten Freien Universität Berlin wechselte und letztlich der CDU beitrat.

Mende bleibt aber weiter unbeirrt und verfolgt die von ihr konstruierte sekundäre Logik weiter: „Da Gruhl die Chance, eine Weltregierung zu etablieren, als sehr gering betrachtete, votierte er statt dessen für einen starken Nationalstaat mit umfassenden Befugnissen“(14), also dem Kontext nach für einen Staat mit mehr oder weniger „diktatorischen Vollmachten“. Hier hat Mende zumindest einmal registriert, was Gruhl dann auch selbst in Himmelfahrt ins Nichts noch einmal klarstellte, daß er die Möglichkeiten einer „totalen Weltregierung“ in Ein Planet wird geplündert geprüft und für „weder realisierbar, noch wünschenswert“(15) befunden habe. Aber hielt Gruhl nun eine nationale Diktatur für wünschenswert? Davon ist bei Gruhl nicht die Rede, er hat das folglich nicht einmal für dementierenswert befunden. Auch hier muß man noch einmal Gruhls Position versuchen herauszuarbeiten. Er war der Auffassung, daß der Staat sicher nicht allein auf die „Selbsteinsicht der Bürger warten“ würde, sondern er „vermag diese… durch Aufklärung zu fördern – und darin liegt schon eine seiner wesentlichen Aufgaben“. Also nicht in diktatorischer Unterdrückung, sondern in Aufklärung liege eine wesentliche Staatsaufgabe. Das knüpfte an die Möglichkeiten von einem ökologischen Bewußtseinswandel an, die Gruhl bereits befürwortete auszuschöpfen. Daran anschließend schrieb Gruhl über den Staat, daß er „einen mehr oder weniger großen Teil mit Zwang durchsetzen muß – nicht anders als eine Weltregierung das für den ganzen Erdball tun müßte“. Empirisch muß ein Staat mit seinem Gewaltmonopol auf Zwang setzen. Daß Gruhl aber deshalb aus Sicht einiger Leser eine Diktatur befürworten könnte, das wäre ihm 1975 nicht in den Sinn gekommen. Die weiteren Ausführungen machen das deutlich: Der Staat sei im Begriff, ins andere Extrem zu verfallen, er habe nämlich „fast jede Autorität verloren“. Es entstehe der Eindruck, daß die Bekundungen der Bundesrepublik Deutschland nicht selten einen Ton anstimmten, „’als wolle sie sich dafür entschuldigen, daß es sie als Staat noch gibt’“, wie er Ernst Forsthoff zustimmend zitierte. Gruhl sah also den von der Gründergeneration der Bundesrepublik konzipierten staatlich gesetzten Ordnungsrahmen als geschwächt an. Geschwächt war damit ein ordoliberaler „Staat als Interessenvertreter aller seiner Bürger“(16), der „im Konflikt mit den Unternehmungen und den Arbeitnehmern“ seine Richtlinienkompetenz einbüßte. Gruhl bewegte sich damit auf das Theorem vom „Staat als Beute“(17) (Hans-Herbert von Arnim) unterschiedlicher Interessengruppen zu. Ein derart geschwächter Staat tat sich bei der Durchsetzung einfacher Umweltschutzmaßnahmen schon schwer, etwa bei der Verpflichtung für die Industrie, Entschweflungsanlagen in Kohlekraftwerke einzubauen. Gruhl selbst wurde vor diesem Hintergrund bald seiner umweltpolitischen Sprecherfunktionen in der Unionspartei und ihrer Fraktion entbunden. Dies obwohl – oder gerade weil – er mit seinem Bestseller populär war und 1976 ein sehr gutes Wahlergebnis in seinem Wahlkreis Hannover Land errang.

Herbert Gruhl hatte mit seiner Wachstumsskepsis die Herrschaft des Untieres Leviathan getroffen und wurde von ihm ausgeschieden wie eine für ihn unverdauliche Kost.(18) Den Zustand des Nationalstaates so zu ändern, daß Lobbyfunktionäre das Gemeinwohl nicht mehr gefährden, das konnte für Gruhl nur durch eine Erneuerung des Rechtsstaates unter besonderer Berücksichtigung der ökologischen Herausforderungen gelingen. Deshalb Gruhls Programmarbeit bei der CDU, der GAZ, bei den Grünen und dann auch noch (bis 1989) bei der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP). Diese Erneuerung müßte bei den Begründern der sozialen Marktwirtschaft ansetzen, bei Ludwig Erhard etwa, von dem Gruhl viel hielt.(19)

Mende wundert sich aus ihrer Perspektive, daß „die Rezensenten“ von Gruhls Bestseller zeitgenössisch „nur selten … die Einschränkungen von Freiheitsrechten“(20) aufgriffen. Doch Gruhls Zeitgenossen waren noch nah genug an der kontextbezogenen Lektüre seines Buches dran um es recht zu verstehen. Das mahnte zur Vorsicht. Anders Mende, die in wenigen Jahren Arbeit mehrere hundert Bücher und sonstige Sekundärquellen überschauen will und darüber die Primärquellen nur noch oberflächlich berühren konnte. Dieses Problem hatte schon der bereits erwähnte van Hüllen. Er hatte die kursierende Ökodiktaturinterpretation über Gruhl übernommen, aber nur bezüglich Ein Planet wird geplündert, nicht bezüglich der wesentlich von ihm verfaßten Programmatik der von ihm gegründeten Partei Grüne Aktion Zukunft (GAZ). Daß dies eine bemerkenswerte Inkonsistenz zwischen Buch und Programm bedeutete, harrt der Erklärung. Der Grund ist, daß van Hüllen das vergleichsweise kurze Programm richtig las und interpretierte, aber das umfassendere Buch von Gruhl nicht mehr.(21)

Doch Mende ist mit Gruhl noch nicht fertig, sondern spitzt weiter zu, „ausgehend von Gruhl und seiner GAZ“ würde „die Brücke zu völkisch-biologischem Gedankengut“(22) geschlagen. Deshalb also diese überschematisierte Zuordnung Gruhls, um von dort aus besser eine Brücke zum Völkischen zu schlagen. Der Assoziation nach wird man heute bei völkisch an den „Völkischen Beobachter“ der Nazis mitsamt ihrer antisemitischen Hetze denken. Mende nennt hier auch keine Definition von völkisch-bilologisch und beläßt es damit bei dieser stark affektgeladenen Terminologie. Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, völkisch als einen Überlegenheitsanspruch eines Volkes oder einer biologischen Rasse über eine andere zu definieren. So ließen sich die angeführten Belege an etwas messen, ob sie also diesen Maßstab erfüllen oder ob nicht jemand vielemehr des Volkes Wohl im Sinne hatte, worauf jeder Bundestagsabgeordnete seinen Eid leistet. Mende führt als Belege Passagen von Gruhls Co-Autorin Christa Meves (geb. 1925) an, die als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin den familienpolitischen Teil von Das grüne Manifest der GAZ(23) verfaßte:

  • Es „müssen die Mütter wieder dazu angehalten werden‚ ihre Kinder selbst zu stillen“. Das Stillen an der Brust, seinerzeit im Zuge allgemeiner Fortschrittsbegeisterung nur noch gering geschätzt, wird längst von UNICEF und WHO empfohlen und von der Wissenschaft zunehmend verstanden. Das Stillen ist hiernach die natürliche und optimale Art einen Säugling zu ernähren und eine einzigartige biologische und emotionale Basis für die Entwicklung des Kindes.(24) Meves darf sich heute in diesem Punkt voll bestätigt sehen.
  • „Die Mutter erhielt von der Natur eine Reihe von Instinkten, die sie befähigt, sich in das leibliche und psychische Wohl ihres Kindes richtig einzufühlen und dieses zu steuern“. Wieso soll das keine mögliche Tatsachenbeschreibung sein, wie sie im Rahmen etwa einer philosophischen Anthropologie anzusiedeln wäre? Die französische Feministin und Soziologin Evelyne Sullerot stellte sich 1978 in ihrem Buch Die Wirklichkeit der Frau ähnlichen Fragen wie Meves und kam zu ganz ähnlichen Schlußfolgerungen.(25) Vielleicht hat Meves das von dort übernommen oder sich in der Sache einfach nur bestätigt finden dürfen.
  • „In der gefährdeten und unsicheren Welt, in der wir leben, kann nur ein gesundes Volk weiter existieren“. Nun, ein gesundes Volk ist erst einmal nichts negatives. Wenn Gesundheitsfragen für einen Staat aber bedeutungslos sein sollen, dann könnte er sich nicht nur Verweise auf das kindermedizinisch längst empfohlene Stillen an der Brust sparen, sondern auch zahnmedizinische Untersuchungen an Schulen einstellen, weil sie nur ideologisch begründet sein könnten, nach der Devise: Wozu noch gesunde Zähne, das könnte auf den Anspruch eines höherwertigen, gesunden und überlebensfähigen Volkes hinauslaufen. Einer solchen Logik zu folgen heißt hier, in die „Falle der“ – in der Soziologie und ihrer Nachbardisziplinen weit verbreiteten – „Biophobie“ (Klaus Wahl) zu tappen. Vor lauter sozialen Faktoren und Konstruktionen werden dann die „biotischen Fundamente“ und „biopsychischen Mechanismen“(26) für die Entstehung gerade von übersteigerter Aggression oder Suchtanfälligkeit ausgeblendet, um die es Meves aber in ihren Texten geht.(27)
  • „Die Voraussetzung für ein gesundes Staatswesen ist eine gesunde und intakte Familie“(28). Die im Zuge der sexuellen Revolution entstandenen hohen Scheidungsraten etwa, kein Problem für den Nachwuchs? Solche Fragen stellt sich Mende erst gar nicht.
  • Es sei von den „Müttern als dem wichtigsten Stand des Volkes“ die Rede. Das wurde seinerzeit auch vom Spiegel und von Erhard Eppler kritisiert. Die Mütter sind zunächst keine anerkannte Berufsgruppe und werden daher als Stand bezeichnet, also moderner und soziologischer formuliert als ein autonomer sozialer Bereich begriffen. Die Mutterrolle wurde damals entwertet, bis hin zum schon erwähnten Stillen an der Brust. Dem erlaubte sich Meves zu widersprechen.

Man muß zeitgeschichtlich einblenden, daß den angeführten GAZ-Programmpunkten das „rote Jahrzehnt“(29) von 1967 bis 1977 unmittelbar voraus ging, das den Auffassungen des westlichen Neomarxismus zu einer unzeitgemäßen Renaissance verhalf. Es ist dies eine Auffassung, nach der eine intakte bürgerliche Familie den Konservatismus weitergibt und damit ein Hindernis auf dem Weg zur angeblich überfälligen Systemüberwindung der Bundesrepublik war. Mende beteiligt sich hier also nicht nur an einer Überbietung alter Fehlinterpretationen, sondern verwechselt das mit wissenschaftlichem Fortschritt. Im Umkehrschluß kann, wer da nicht mit einstimmt, nur wissenschaftlich rückschrittlich oder wie van Hüllen nur ideologisch sein. Helmut Schelsky hatte schon moniert: die Bundesrepublik werde von ihren Ursprüngen her derart auf die – sicher sehr wichtige – Vorgeschichte der Bundesrepublik reduziert, also auf den Nationalsozialismus, daß den Erfahrungslosen die neue Republik als bloßer Nachfolgestaat der Nazis und ihrer Ideen erscheine.(30) Dies konnte dann auch an der Zeitgeschichtsschreibung der Grünen nicht spurlos vorübergehen, sondern wirkte sich verzerrend aus.

Daß es auch anders geht, zeigt ein erfahrener Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland, Erhard Eppler (geb. 1926). Dieser hatte einst mit den politisch motivierten Desinformationen über Ein Planet wird geplündert den Anfang gemacht.(31) Er läßt das Konkurrenzverhältnis zu Herbert Gruhl aber längst hinter sich und erklärt in seinem 2011 vorgelegten Buch Epochenwechsel nach der Blamage der Marktradikalen: Die CDU habe einst ihre Chance vertan, zu einer Erneuerung des Rechtsstaates unter ökologischen Vorzeichen einen Beitrag zu leisten, indem sie Gruhl ins Leere laufen ließ. Damit bliebe die CDU weiter hinter einem so klugen Kopf wie Meinhard Miegel (geb. 1939) zurück.(32) Eppler ist altersweise geworden und hat die richtigen Worte gefunden, die Beachtung verdienen. (Volker Kempf, Verfasser u.a. der Bücher “Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie. Im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Realität” (Graz 2008) und “Christa Meves – Kritik an der Emanzipationsbewegung – Neue Weiblichkeit – Die Zukunft der Kinder” (Bad Schussenried 2008)

(Der vorstehende Text – Stand 8.5.2012 bzw. um einen weiß gekennzeichneten Halbsatz erweitert am 17.10.2012 – geht auf einen im September 2011 auf der Herbsttagung der Herbert-Gruhl-Gesellschaft in Jena gehaltenen Vortrag zurück. Eine stark gestraffte Fassung erschien unter der Überschrift “Gruhl und die Gründungsgrünen” in Neue Ordnung, Graz, H 1/2012, S. 10 f.)

Anmekungen

  1. Schelsky, Helmut: Politik und Publizität. Stuttgart 1983, S. 97 f.; ders.: Die Generationen der Bundesrepublik. In: Scheel, Walter (Hrsg.): Die andere deutsche Frage: Die Kultur und die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland nach 30 Jahren. Stuttgart 1981, S. 178-199, hier S. 195 f.
  2. Fuchs, Jean: Der grüne Verrat. Niedergang einer Vision. Essen 2005
  3. Hüllen, Rudolf van: Ideologie und Machtkampf bei den Grünen. Bonn 1990
  4. Mende, Silke: „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“. Eine Geschichte der Gründungsgrünen. München 2011
  5. Vollmer, Antje (im Gespräch mit Hans W. Kilz): Eingewandert ins eigene Land. München 2006
  6. Mende, Silke: op. cit., S. 72 ff.
  7. Ebenda, S. 75
  8. Gruhl, Herbert: Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik. Frankfurt a.M. 1975/1992, S. 49-138
  9. Mende, Silke, op. cit., S. 75
  10. Gruhl, Herbert, op. zit, 1975/1992, S. 304
  11. Gruhl, Herbert: Himmelfahrt ins Nichts. Der geplünderte Planet vor dem Ende. München 2008, S. 155
  12. Mende, Silke: op. cit., S. 74 (FN 18)
  13. Gruhl, Herbert: op. cit., 1975/1992, S. 304, 308
  14. Mende, Silke: op. cit, S. 75
  15. Gruhl, Herbert: op. cit., 1992, S. 357
  16. : op cit, 1975/1992, S. 306
  17. Arnim, Hans Herbert von: Der Staat als Beute. Wie Politiker in eigener Sache Gesetze machen. München 1993
  18. Vonessen, Franz: Die Herrschaft des Leviathan. Sieg und Selbstzerstörung des Fortschritts. Zug/Schweiz 1978/1996, S. 212 ff.
  19. Gruhl, Herbert / Volker Kempf (Hrsg.): op. cit., 2005, S. 116-121, 186, 191
  20. Mende, Silke: op. cit., S. 76
  21. Wie Anmerkung 1
  22. Mende, Silke: op. cit., S. 91
  23. Das grüne Manifest der Grünen Aktion Zukunft (GAZ). Bonn 1978
  24. Lothrop, Hannah: Das Stillbuch. 33., aktualisierte Aufl. München 1980/2009
  25. Sullerot, Evelyne: Die Wirklichkeit der Frau. München 1978/1979
  26. Wahl, Klaus: Aggression und Gewalt. Ein biologischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Überblick. Heidelberg 2009, S. 13
  27. Drauf geht der Verfasser an anderer Stelle näher ein (vgl. Kempf, Volker: Christa Meves. Kritik der Emanzipationsbewegung – Neue Weiblichkeit – Die Zukunft der Kinder. Bad Schussenried 2008)
  28. Mende, Silke: op. cit., S. 91
  29. Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 – 1977. Frankfurt a.M. 2001/2007
  30. ders.: Vorwort zur Taschenbuchausgabe 1979. In: ders.: Auf der Suche nach Wirklichkeit. München 1979
  31. Siehe hierzu ausführlich, Volker Kempf: Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologe. Im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Ekenntnis und politischer Realität. Graz 2008, S. 116 f., 128 ff., 143, 211, 214, 218-225

Vgl. Eppler, Erhard: Eine solidarische Leistungsgesellschaft. Epochenwechsel nach der Blamage der Marktliberalen. Bonn 2011, S. 7 ff.

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