Wir amüsieren uns zu Tode

“Man soll nicht allein auf das achten, was einer sagt, sondern auch darauf, was er sich dabei denkt und warum er es sagt” (Cicero)

Das Medium Fernsehen ist vor allem für die Unterhaltung geeignet. Nachrichten selbst werden zur Unterhaltungsware oft zwischen den Werbeblöcken herabgewürdigt. Eine besondere Kunst ist es da, noch einen sehenswerten Film über ein ernstes Thema zu machen.

Der Anspruch kann hierbei nur lauten, wenigstens zentrale Aspekte zu vermitteln. Bei dem Film „Endstation Fortschritt?“ ist das durchaus der Fall. Hier wird deutlich gemacht, daß der Mensch die Erde übernutzt: Wälder werden gerodet, Rohstoffe geplündert und das Klima aufgeheizt. Ein Fortschritt, der als ein solcher sinnvoll zu bezeichnen wäre, wäre etwa die umfassendere Nutzung von Algen für den Treibstoff. Aber, so gibt Ronald Wright in einem seiner im Film gezeigten Statements zu bedenken, die Wirtschaft und die Menschheit wachsen zu sehr. Wer es näher wissen will, wird Wrights Buch „Kurze Geschichte des Fortschritts“ lesen – oder die Informationspresse heranziehen.

Doch was macht die FAZ daraus, die als letzte im Blätterwald ihren Widerstand gegen bunte Bilder aufgegeben hat? Sie folgt dem Fernsehen als ihrem Vorbild und droht damit, durch eine Filmbesprechung einen Film noch unterhaltsamer zu präsentieren als er ist. Die Überschrift zum besagten Film lautet in der Ausgabe vom 5. Juni 2012: „Schnell mal die Weltbevölkerung senken“. Die Überschrift rechtfertigend schreibt der Rezensent Lorenz Jäger, man müsse doch stutzig werden, wenn Wright „so mir nichts, dir nichts verkündet, die Weltbevölkerung müsse auf ein Drittel ihres jetzigen Standes heruntergedrückt werden, um ein Überleben des Planten Erde zu ermöglichen. Die Frage, wer darüber entscheidet, aus welchen Gruppen die anderen zwei Drittel stammen sollen, dürften noch katastrophenträchtiger sein als die Umweltprobleme selbst.“

Jägers Filmbesprechung geht am Problem völlig vorbei. Daß die Weltbevölkerung auf ein Drittel sinken müßte, um nachhaltig wirtschaften zu können, das ist zunächst eine von vielen Naturwissenschaftlern geteilte Auffassung. Das Problem ist, daß die mit dem Weltbevölkerungswachstum verbundenen ökologischen Probleme oft bis in die Wissenschaften hinein kaum noch thematisiert werden. Das geht dann noch hinter den Diskussionsstand der 1970er Jahre zurück. Oder ist für die noch in diesem Juni stattfindende Rio+20 Konferenz eine umfassende Debatte über die ökologische Bedeutung der Weltbevölkerungsentwicklung angesagt? Nein. UN-Programme für Familienplanung gibt es zwar. Aber diese fristen ein Schattendasein und haben ansonsten sicher nicht im Sinne, Bevölkerungsprogramme wie in China durchzusetzen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Daß man das erst erklären muß, macht deutlich, wie weit weg von der Wirklichkeit das ganze Thema diskutiert wird.

Es ist letztlich eine Welt als Wille und Vorstellung, es drohe ein Programm aus Vernunft und Tugend „Schnell mal die Weltbevölkerung senken“ zu wollen. Real sind vielmehr die vorherrschende Ignoranz gegenüber der ökologischen Dimension der Bevölkerungsentwicklung und die unzureichend ausgestatteten UN-Programme für die Familienplanung. Wenn das nach Jahrzehnten Umweltdiskurs nicht gesehen wird, bleibt hier – mit Neil Postman im Sinne – nur zu fragen: Amüsieren wir uns zu Tode? (V. Kempf, 12.6.2012)

(“Endstation Fortschritt?”, Arte, 5. Juli 2012, 14.40 Uhr; Ausschnitte unter externer Link)

(Siehe auch: Unterwegs zur Zukunftsfähigkeit? )

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