Weniger wäre mehr

Seit dem 18. Jahrhundert wuchs die Weltbevölkerung exponentiell – aus 700 Millionen wurden inzwischen über sieben Milliarden. Doch während der Anteil der Asiaten mit 60 Prozent konstant blieb, schrumpfte Europa anteilmäßig von einem Viertel auf ein Zehntel. Amerika verachtfachte sich. Doch je geringer die Geburtenrate bei uns wurde, desto mehr stieg die ökonomische Produktivität pro Kopf an. Auch die Ökosysteme geraten durch weniger Menschen weniger unter Druck, denn diese verursachen weniger Verkehr und Lärm, brauchen weniger Fläche, Ressourcen- und Energie. „Weniger sind mehr: Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist“, hieß daher das letzte Buch des 2007 verstorbenen deutschen Soziologen Karl Otto Hondrich. Ein anhaltendes Bevölkerungswachstum Deutschlands, das würde den sprichwörtlichen Rahmen sprengen. Doch trotz hoher Bevölkerungsdichte (1900: 104, 2016: 230 Einwohner pro Quadratkilometer) kommt das quantitative Wachstum weiter mit großen Versprechungen daher.

Mehr Menschen bedeuten mehr Konsumenten, Umsatz für die Bauwirtschaft oder die einfallsreiche Sozialindustrie. Aber auch hier gelten die Gesetze der Logik und der Natur. Wo etwas mehr wird, wird an anderer Stelle etwas weniger, weniger für die bisherigen Teilnehmer der Sozialsysteme, weniger Platz für fruchtbare Böden und Naturschutzgebiete. Mehr Kinder seien für die Rente gut – aber zunächst muß die mittlere Generation sowohl mehr Kinder als auch die Älteren ohnehin versorgen. Zu dieser Doppelbelastung kommt hinzu: die Öffnung der Grenzen Deutschlands – auch als ein Beitrag zur Kompensation des „biodeutschen“ Bevölkerungsrückganges. Dies macht aber alle Vorteile einer eher schrumpfenden Gesellschaft zunichte. Deutschland wächst seit 2016 wieder. Doch weniger wäre mehr. Das gilt nun mehr als zuvor.

Volker Kempf (Umweltkolumne, erstveröffentlicht in der Wochenzeitung Junge Freiheit vom 30. März 2017).

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