Wachstumsspirale

Überlegungen zur Wachstumsspirale der Wirtschaft

Vortrag von Hans Christoph Binswanger, St. Gallen, gehalten bei der Herbert Gruhl-Gesellschaft e.V

in Hannover, am 24.10.2008

 

 

„Die unhaltbare Wachstums-Ideologie ist bereits im Begriff, weltweit zusam­men­zubrechen. Die jetzigen Versuche, weiteres ‚wirtschaftliches Wachstum‘ zu erzwin­gen, werden die Krise verschärfen und umso eher in eine noch grössere Katastrophe münden.“ So schrieb Herbert Gruhl vor dreissig Jahren in seinem „Grünen Manifest“. Er war mit diesem Statement zwar seiner Zeit voraus − das Wachstum ist erst nach den 90er Jahren weltweit so richtig in Fahrt geraten − aber nun dürfte seine Pro­phezeiung schon vor der Finanzkrise, erst recht aber mit der Finanzkrise, wesentlich an Realitätsnähe gewonnen haben. Ich möchte dies in meinem Referat erläutern. Dabei wird sich zwar zeigen, dass die Marktwirtschaft nicht ohne ein gewisses Wachstum auskommt, aber auch dass sie mit einem wesentlich reduzierten Wachstum funktionieren kann, wenn sie entsprechend reformiert wird. Grundsätzlich gilt: Damit wir nachhaltig wirtschaften können, muss die Wachstumsrate soweit redu­ziert werden, dass das noch notwendige minimale Wachstum umweltkonform gestal­tet werden kann. Nach einer Diagnose der heutigen Situation möchte ich am Schluss einige Hinweise zu den Reformmöglichkeiten geben, die auf dieser Diagnose aufbauen.

Die wichtigste Feststellung ist: Wenn wir die moderne Wirtschaft verstehen wollen und mit ihr die ihr immanente ständige Tendenz zum Wachstum, müssen wir das Geld und die ins Unendliche sich fortsetzende Geldschöpfung in die Erklärung ihrer Funktionsweise miteinbeziehen. Money matters! Im Geld – sowohl in seiner Entstehung als in seinen Wirkungen – liegt in gewissem Sinn eine Magie verborgen, die ein stetes Wachstum ermöglicht und auch dazu antreibt,  eine Magie, die durch­aus rational beschrieben werden kann, aber doch als Magie bestehen bleibt. Ohne Einbezug dieser Magie, die sich im Geldbereich durchsetzt,  ist die moderne Wirt­schaft nicht erklärbar und nicht im Sinne der Nachhaltigkeit reformierbar.

Zuerst muss man wissen, was Geld ist, was heute Geld ist. Geld ist alles, womit man zahlen kann. Heute kann man zahlen mit Banknoten, also mit Papiergeld, sowie mit Sichtguthaben bei den Banken, d.h. mit Guthaben, die auf den Girokonten bei den Banken verbucht werden. Man spricht daher auch von Bank- oder Buchgeld. Das Bank- oder Buchgeld kann in Banknoten eingelöst werden, aber die Banknoten nicht mehr wie früher in Goldmünzen. Die letzten Reste einer solchen Einlösungspflicht sind anfangs der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts dahin gefallen. Seither kann die Zentralbank ohne Rücksicht auf irgendwelche Goldreserven den Banken Ein­lagen auf Zentralbankkonten zur Verfügung stellen, die in Banknoten umgewandelt werden können.  Auf diese Weise kann die Menge des Geldes − des Zentral­bankgeldes und des Bank- bzw. Buchgeldes − stets erhöht werden. Heute sind ca. 95% der Geldmenge Buchgeld, und nur 5% Banknoten inkl. Münzen. Man spricht von Geld-Schöpfung. Diese kann unendlich weitergehen, ohne an Grenzen zu stossen, die früher durch die begrenzten Goldvorräte gegeben waren.

Der Trick der Geldschöpfung ist, dass es sowohl das reale Wachstum des BIP provo­ziert als auch, wenn sich das Wachstum fortsetzt, gleichzeitig eine ständige Stei­ge­rung der Gewinne – der Geldgewinne – ermöglicht, die das Wachstum attraktiv machen. Die Geldschöpfung lohnt sich also sowohl im Bereich der realen als auch im Be­reich der monetären Werte.

Dadurch erhält das wirtschaftliche Wachstum eine magische Anziehungskraft. Wie kommt es zu dieser Belohnung, zu dieser magischen Anziehungskraft? Dies ist die entscheidende Frage, der die konventionelle Ökonomik ausweicht, der man sich aber stellen muss, wenn man den Wachstumsprozess, der sich in einer Spiralform weiter entwickelt, wirklich begreifen will. Ich gehe in vier Schritten vor, um diese Entwicklung zu erklären.

 

 

 

Erster Schritt:DasPrinzip der Geldschöpfung: Schulden verwandeln sich in Geld

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Fststellung, dass die Banken nicht einfach nur Geld, das von irgendjemand gespart wird, an diejenigen vermitteln, die Geld benötigen, d.h. von dem einen Geld leihen, das sie anderen weiterverleihen. Sie sind nicht nur Zwischenhändler. Vielmehr schöpfen sie, wie bereits gesagt,  zusammen mit der Zentralbank, Geld. Sie sind Produzenten von Geld. Sie schaffen ständig neues Geld. Wie geschieht dies? Die Geldschöpfung erfolgt durch Kre­ditschöpfung, d.h. dadurch, dass die Banken den Kreditnehmern − es handelt sich vor allem um  Unternehmungen − den Kreditbetrag auf einem Giro- oder Konto­korrentkonto bei sich gutschreiben. Dieser Kreditbetrag ist eine Einlage bei der Bank, die man als Sichteinlage bezeichnet, weil man ohne Voranmeldung, d.h. auf Sicht, über sie verfügen kann. Der Kredit der Bank an die Unternehmung ist eine Schuld der Unternehmung an die Bank. Aber das Guthaben der Unternehmung bei der Bank, die Sichteinlage, ist ebenfalls eine Schuld, nämlich eine Schuld der Bank an die Unternehmung. Warum? Weil die Bank verpflichtet ist, dieses Guthaben auf Sicht in Banknoten der Zentralbank einzulösen. Diese Schuld ist aber gleichzeitig Geld, nämlich Bank- oder Buchgeld. Weil man mit dem Bank- oder Buchgeld genau so gut oder sogar noch bequemer – durch Überweisungsaufträge oder mit Hilfe von Kre­ditkarten – zahlen kann, wird es nur zu einem geringen Teil in Banknoten eingelöst. Es bleibt somit als Sichtguthaben der Kreditnehmer bei der Bank und damit als Schuld der Bank stehen, wenn nicht bei der kreditgebenden Bank, dann bei einer anderen Bank. Aber es bleibt im Bankensystem! Das Bank- oder Buchgeld vermehrt sich daher ständig mit den Schulden der Unternehmungen und den Schulden der Ban­ken, also durch eine gegenseitige Verschuldung von Unternehmungen und Banken. Dies lässt sich durch eine Darstellung des Kreditvorgangs, z.B. von 100 Geldeinheiten, auf einer Bankbilanz und einer entsprechenden Unternehmungsbilanz ver­deutlichen.

 

 

 

 

 

Aktiven Bank Passiven
+ 100

Kredit der Bank =

Schuld der Unternehmung

+100

Sichtguthaben der

Unternehmung = Schuld der Bank

 

= Geld (Buchgeld)

 

Aktiven Unternehmung Passiven
+ 100

Sichtguthaben der

Unternehmung = Schuld der Bank

 

= Geld (Buchgeld)

+100

Kredit der Bank =

Schuld der Unternehmung

 

 

 

Die Verschuldung der Bank und die Verschuldung der Unternehmung sind allerdings – dies ist zu beachten! – asymmetrisch. Der Kreditnehmer, die Unternehmung, muss die Schuld begleichen und einen Zins bezahlen, solange er schuldig bleibt. Die Bank hingegen muss nur einen kleinen Teil der Schuld begleichen, nämlich den (geringen) Teil, der in Banknoten eingelöst wird. Sie braucht auch für diese Schuld keinen Zins zu zahlen. Warum nicht? Weil ihre Schuld eben Geld darstellt.

Wie steht es nun aber mit den Banknoten der Zentralbank? In dem (geringen) Ausmass als das Buchgeld in Banknoten eingelöst wird, steigt deren Menge parallel zur Ausweitung der Buchgeldmenge, indem die Zentralbank Zentralbankgeld den Banken auf dem Kreditweg − genauer: durch Übernahme eines Teils der Kredite, die die Banken gewährt haben − in Form von Einlagen bei sich zur Verfügung stellt. Die Banken verschulden sich so bei der Zentralbank. Sie zahlen dafür einen Zins. Das Zentralbankgeld, d.h. die Zentralbankeinlagen der Banken bzw. die Banknoten sind aber ebenfalls eine Schuld − eine Schuld der Zentralbank. Sie wird auf der Passivseite der Zentralbankbilanz gebucht, denn die Zentralbank musste sie ursprünglich in Gold einlösen. Auch hier handelt es sich also um eine gegenseitige Verschuldung, nämlich eine Verschuldung der Banken bei der Zentralbank, und der Zentralbank bei den Banken. Auch diese Verschuldung ist asymmetrisch. Seitdem die Einlösungspflicht des Zentralbankgeldes in Gold- oder Silbermünzen aufgehoben wurde, handelt es sich beim Zentralbankgeld um eine „ewige“ Schuld, die die Zentralbank nie einlösen muss, sodass sie „ewig“ bestehen bleibt.  Die Zentralbank zahlt (in der Regel) auch keine Zinsen, weil die Zentralbankschuld ja ebenfalls Geld darstellt.

Daraus resultiert: Da die einzige Schranke für die Ausgabe von Buchgeld der Banken ihre Einlösbarkeit in Zentralbankgeld bzw. Banknoten ist, diese aber nicht mehr in Gold eingelöst werden müssen, und die Zentralbank den Banken daher grundsätzlich unbeschränkt Zentralbankgeld bzw. Banknoten zur Verfügung stellen können, beruht unser ganzes Geldsystem heute auf der Vermehrung „ewiger“ Schulden. „Ewige“ Schulden, d.h. Schulden, die man nie bezahlen muss,  kann man unendlich vermehren! So werden Schulden zu Geld, d.h. zu Vermögen, das sich unendlich anhäuft. Das ist das Wesen der im Geldsystem waltenden Magie: Aus Minus (-) gleich Schuld wird ein Plus (+) gleich (Geld‑)Vermögen.

 

Zweiter Schritt: Die Metamorphose des Geldes: Das Wachstum der Geldmenge verwandelt sich in reales Wachstum

Massgebend für die Metamorphose des Geldes in reale Güter ist: Die Kredite der Banken werden von den Kreditnehmern, den Unternehmungen, im wesentlichen dazu verwendet, um zu investieren, d.h. um zusätzliche Rohstoffe, Energie und Arbeitsleistungen zu kaufen, und mit ihrer Hilfe die Produktion zu steigern, denn sie wollen ja Geld verdienen, indem sie Güter produzieren, die sie verkaufen können. So wird das neu geschöpfte Geld, auch wenn erst nachträglich, doch einlösbar – einlösbar zwar nicht in Gold, aber in zusätzlich produzierte Güter. Es ist zwar normalerweise eine geringe Erhöhung des Preisniveaus damit verbunden − man spricht von einer schleichenden Inflation −, aber die reale Produktionsmenge steigt stärker. Die Geldvermehrung verpufft also normalerweise nicht in Inflation. Die Geldschöpfung führt vielmehr zur realen Wertschöpfung, d.h. zu einem realen Zuwachs des Sozialprodukts. Dies ist die moderne Metamorphose des Geldes, d.h. die Verwandlung des Geldes in reale Güter. So wird das Geld, das  Geldvermögen auch zu einem realen Vermögen.

 

Dritter Schritt: Das Perpetuum mobile: Die Geldschöpfung führt über die Wertschöpfung zur Zunahme der Gewinne – und die Zunahme der Gewinne ermöglicht weitere Geld- und Wertschöpfung

Entscheidend ist nun: Damit die Verwandlung der Geldschöpfung in reale Wertschöpfung gelingt, müssen die Unternehmungen, die die Kredite aufnehmen, um zu investieren, einen Gewinn erzielen können, aus dem der Zins für die Kredite bezahlt wird, und der zusätzlich einen Reingewinn enthält, der das Risiko deckt, das mit jeder Investition verbunden ist. Das Investitionsrisiko ergibt sich daraus, dass die Investitionen erst in der Zukunft ausreifen, indem die Güter, die aufgrund der Investitionen produziert werden, erst morgen verkauft werden können, denn sie können erst verkauft werden, wenn sie produziert worden sind. Die Arbeits- und andere Produktionsleistungen der Haushalte müssen aber heute schon bezahlt werden. Die Zukunft ist immer unsicher. Ohne Aussicht auf einen Gewinn, ohne dass also der Erwartungswert des Gewinns positiv ist,  werden daher die Unternehmungen nicht investieren, d.h. das Risiko nicht auf sich nehmen.

Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Das heisst: Es muss für alle die Chance eines Gewinns stets grösser sein als die Chance eines Verlusts. Der Erwartungswert des Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss also positiv sein. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn die Häufigkeit des Gewinns stets grösser war und weiterhin grösser ist als die Häufigkeit des Verlusts, wenn also im Durchschnitt, d.h. im Saldo alle Unternehmungen zusam­men stets Gewinne gemacht haben und machen. Wie ist dies möglich? Das ist nun die Frage!

Die Gewinne der Unternehmungen sind grundsätzlich gleich der Differenz zwischen den Einnahmen und den Ausgaben der Unternehmungen – genauer: zwischen den Ein­nahmen und den Ausgaben der Unternehmungen für die Herstellung der Produkte, aus denen die Unternehmungen die Einnahmen erzielen, also gleich der Differenz zwischen Ertrag und  Kosten. Damit alle Unternehmungen zusammen im Saldo Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen aller Unter­neh­mungen zusammen stets grösser sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusam­men. Wie soll dies vor sich gehen? Es ist offensichtlich nicht möglich, wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezah­len, das also zu deren Einkommen wird, einfach wieder von den Haushalten dazu verwendet wird, um die Produkte zu kaufen, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben, wenn also das Geld nur im Kreis läuft. Denn dann würden sich Einnahmen und Ausgaben der Unternehmungen nur immer gerade ausgleichen. Es gäbe also in der Summe von Gewinnen und Verlusten kein positiver Saldo der Unternehmungsgewinne. Es könnten dann weder Zinsen bezahlt werden, noch Reingewinne erzielt werden, die das Risiko des Kapitaleinsatzes decken. Ein positiver Gewinnsaldo und damit die Möglichkeit, Zinsen für das Fremdkapital zu bezahlen und Reingewinne auf dem Eigenkapital zu erzielen, die das Risiko decken, kann somit gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn Geld zufliesst.

Wie fliesst aber in der modernen Wirtschaft Geld zu? Wir wissen es bereits: indem die Unternehmungen bei den Banken Kredite aufnehmen, die die Banken min­destens zum Teil durch Geldschöpfung bereitstellen, also durch Vermehrung der Geldmenge auf dem Kreditweg. Die Unternehmungen brauchen die Kredite – ich wiederhole – um  zu investieren, um das aufgenommene Geld,  zusammen mit dem reinvestierten Reingewinn für den Kauf von zusätzlichen Arbeits- und anderen Produktionsleistungen  zu verwenden. So steigen die Einkommen der Haushalte als Anbie­ter dieser Arbeits- und Produktionsleistungen mit dem Wachstum der Pro­duktion, und die Einnahmen der Unternehmungen mit den Einkommen der Haus­halte, die sie für den Kauf der Produkte ausgeben, die die Unternehmungen her­ge­stellt haben.

Dabei ist zu beachten: Die Haushalte geben ihr Einkommen, das aus den Investi­tionen resultiert, sofort aus, denn die Haushalte müssen ja überleben. Sie werden daher sofort zu Einnahmen der Unternehmungen, die aus dem Verkauf der Produkte an die Haushalte resultieren. In diesem Zeitpunkt können die Unternehmungen aber nur die Produkte verkaufen, die schon produziert worden sind, die sie also vor der neuen Investition hergestellt haben, für deren Herstellung sie also im Betrag der neuen Investitionssumme weniger Geld ausgegeben haben. Das bedeutet aber auch, dass die Einnahmen der Unternehmungen vor den Ausgaben für die Produkte, die sie verkaufen, steigen. So entsteht in der Volkswirtschaft gesamthaft, d.h. im Saldo aller Gewinne und Verluste, ständig ein Gewinn.

Dies sind die ersten drei Schritte zur Erklärung der Wachstumsspirale und der ihr zugrunde liegenden Magie. Der Wirtschaftskreislauf weitet sich zu einer Wachstums­spirale aus. Auf diese Weise hält sich der Wachstumsprozess mit Hilfe stets neuer Schulden, die zu Geld werden, selbst im Gange. Er wird zu einem perpetuum mobile. In ihm entstehen die Gewinne, die nötig sind, damit sich diese Spirale immer weiter ausweiten kann, während die Ausweitung der Spirale weitere Gewinne ermöglicht – immer im Zusammenhang mit einem steten Wachstum der realen Produktion. (Bild: Die Wachstumsspirale)

 

Nun aber zum vierten Schritt: Das Wachstum des BIP mündet in einem Wachstumszwang. Der Wachstumsdrang wird ergänzt durch einen steten Wachstumsdrang

Der Wachstumsprozess mussdas ist nun die Kehrseite der Medaille immer weiter gehen, denn wenn nicht immer eine neue Ausweitung der Geldmenge auf­grund neuer Investitionen erfolgt, die eine  zusätzliche Nachfrage erzeugt, fällt die aus der letzten Investition nachrückende Angebotserhöhung sozusagen ins Leere. Dann steht kein entsprechender Zuwachs der Nachfrage dem schon erfolgten Zu­wachs des Angebots gegenüber. Entsprechend sinkt die Gewinnrate. Wenn auch in Zukunft weitere Investitionen ausbleiben, sinkt die Gewinnrate schliesslich unter die Höhe, welche die Unternehmungen bzw. die Kapitalgeber im Minimum für das Ein­gehen des Investitionsrisikos erwarten. Das Risiko ist nicht mehr gedeckt. Dann werden die Unternehmungen nicht mehr für Ersatzinvestitionen sorgen und so allmählich die Produktion auslaufen lassen. Schliesslich können auch die Zinsen nicht mehr bezahlt werden. Ein immer grösserer Teil der Unternehmungen wird Verluste machen und daher durch Bankrott aus dem Produktionsprozess aus­scheiden. An die Stelle des Wachstums der Wirtschaft tritt dann eine fortlaufende Schrumpfung der Wirtschaft. (Bild: Wachstum oder Schrumpfung)

Daraus ergibt sich ein Wachstumszwang in dem Sinne, dass, wenn eine minimale Wachstumsrate unterschritten wird, die Alternative zum Wachstum Schrumpfung ist. Das heisst: Stabilität und Null-Wachstum sind in der heute gegebenen modernen Wirtschaft nicht möglich. Es darf bei den gegebenen Bedingungen unseres Geld­systems kein Ende des Wachstums geben. Dieser Zwang ist sozusagen der Preis, den wir für die Magie zahlen müssen, die unser Geldsystem mit dem ihm imma­nenten wirtschaftlichen Wachstum kennzeichnet.

Dem Wachstumszwang steht ein Wachstumsdrang zur Seite. Dieser ergibt sich daraus, dass die Unternehmungen bzw. die Eigenkapitalgeber, also vor allem die Aktionäre, d.h. die Eigenkapitalgeber der Aktiengesellschaften, wenn sie schon das Risiko der Investition eingehen,  nicht nur einen minimalen, sondern einen möglichst grossen Reingewinn erzielen wollen. Dieses Streben nach Gewinnmaximierung wird dadurch verstärkt, dass der Wert des Eigenkapitals bzw. der Aktien gleich dem Ge­genwartswert der Summe der mit dem Zinssatz abdiskontierten erwarteten künftigen Gewinne ist, und weil die Gewinnerwartung und damit auch die Dividendenerwartung umso höher ist, je grösser die Investitionen sind, je grösser also das Wachstum der Produktion ist.

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Allerdings macht der Wachstumsdrang nicht bei der Forcierung des realen Wachstums Halt. Vielmehr werden in der Dynamik der Geldvermehrung auch Bank­kredite aufgenommen, die nicht der Finanzierung produktiver Investitionen dienen, sondern auch dazu,  Finanzwerte zu kaufen, die Vermögenswerte darstellen, und zwar von solchen, von denen man annehmen kann, dass sie im Preise steigen wer­den, wenn sich die Nachfrage wegen der ständigen Geldausweitung weiter erhöht. Wenn man sie jetzt kauft, kann man daher sozusagen gratis einen Ver­mögens­gewinn erzielen. Dies gilt insbesondere für Aktien. Es lohnt sich daher, sich zu ver­schulden, also Kredite aufzunehmen, und dafür Zinsen zu zahlen, wenn der Zins niedrig und die erwartete Preissteigerung höher ist als der Zins. Dies ist aber natür­lich eine Spekulation. Sie ist insbesondere dadurch gefährdet, dass die Zinsen, die man für die spekulativen Kredite aufgenommen hat, steigen können. Dies ist dann der Fall, wenn die Zentralbank die Kredite für die Zurverfügungstellung von Zen­tral­bankgeld, die die Banken wegen der Ausweitung ihrer Kredite benötigen, nur noch gegen höhere Zinsen gewährt. Sie erhöhen die Zinsen, wenn sie – vor allem gerade wegen der spekulativen Geldvermehrung – eine inflationäre Entwicklung befürchten. In diesem Fall kommt es zu einem Platzen der Blasen.

Was ist aber, wenn es keine Finanzkrisen geben würde? Wäre dann alles in Ordnung? Nein, weil sich der Wachstumszwang und Wachstumsdrang unter den bisherigen institutionellen Bedingungen nur durchsetzen lässt, wenn genügend natür­liche Ressourcen vorhanden sind, aus denen die Rohstoffe und die Energie gewon­nen wird, welche die Basis der Produktion bilden. Dabei gilt: Die Rohstoffe und Ener­gieträger können der Natur entnommen und der Boden sterilisiert werden, ohne dass der Eigentümer etwas dafür bezahlen muss. Der Verbrauch der Natur ist gratis. Dies kommt einer Verschuldung gegenüber der Natur gleich, die man nicht begleichen muss. Das macht es lukrativ, sich möglichst viel Ressourcen der Natur anzueignen und produktiv zu verwerten; denn es entstehen selbstverständlich dort die grössten Gewinne, wo man etwas verkaufen kann, das man nicht kaufen musste, das man einfach ohne Bezahlung in Besitz nehmen und verarbeiten konnte.

Mehr und mehr wird jedoch das Wirtschaftswachstum mit einer langfristigen Knapp­heit der Natur konfrontiert, denn die Welt und damit die Natur ist nicht unendlich gross. Ihre Nutzung kann daher nicht beliebig ausgedehnt werden. Im Gegensatz zum Papier- und Bankgeld, das der Mensch selber herzustellen vermag, ist die Welt – die Natur – dem Menschen vorgegeben und damit begrenzt. Er sollte daher haushälterisch damit umgehen, d.h. die Natur nachhaltig bewirtschaften. Diesem Imperativ steht aber der Wachstumszwang und Wachstumsdrang entgegen. Der ökologische Konflikt ist unausweichlich, bzw. wir stehen auch schon mitten in diesem Konflikt drin.

Bei Licht betrachtet ist die Wachstumsspirale der Wirtschaft ein sog. Schnee­ball­system, das darauf beruht, dass die Gewinnauszahlungen an frühere Investoren aus den Einzahlungen der neuer Investoren gespeist werden. Man zahlt alte Schulden mit neuen Schulden. Im Unterschied allerdings zu einem Schneeball­system, wie sie immer wieder durch betrügerische Kettenbriefaktionen lanciert wird, entstehen im gesamtwirtschaftlichen Schneeballsystem der Wachstumsspirale reale Gewinne und Einkommenszuwächse, weil die Natur gezwungen wird, mitzuspielen. Die Schulden an die Natur müssen ja − ich sagte es schon − nicht beglichen werden. Wenn aber die Natur nicht mehr mitspielt, d.h. wenn sich die natürlichen Ressourcen und unse­ren Lebensraum verknappen, weil wir die Natur bzw. die Naturleistungen nicht nach­haltig bewirtschaften und wir sie so vergeuden, mach sich dies auch wirtschaftlich bemerkbar. Die Ressourcenpreise steigen, wodurch eine Spekulation auf eine weitere Preissteigerung und damit eine Inflation von der Angebotsseite her induziert wird. Gleichzeitig erhöhen sich die Reparationskosten für die  Natur, soweit Repa­raturen überhaupt möglich sind. Oder wir gehen den direkten Naturleistungen ver­lustig, wie gute Luft, sauberes Wasser, schöne Landschaften, Artenvielfalt und ein men­schenverträgliches Klima. Damit drohen auch unserer Existenzgrundlagen zu schwinden.

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Was ist angesichts dieser Krisenanfälligkeit unserer Wirtschaft zu tun? Den Wachstumszwang kann man – ich sagte es bereits – nicht grundsätzlich beseitigen, solange wir eine Wirtschaft aufrechterhalten wollen, die auf selbständigen Unter­neh­mungen basiert, welche im Markt auf eigene Initiative handeln und daher einem Risiko ausgesetzt sind. Niemand wird Geld als Kapital, d.h. als Vorschuss zur Ver­fü­gung stellen, wenn er nur gerade erwarten darf, dass er gleich viel zurückerhält als er eingesetzt hat. Dann behält er doch lieber gleich das Geld in der Hand als es einem Risiko auszusetzen!

Wir können aber den Wachstumszwang und vor allem den Wachstumsdrang, wenn wir ihn einmal erkannt haben,  wesentlich reduzieren und qualifizieren. Das Ziel kann und muss eine nachhaltige Wirtschaftsweise sein.

Ich habe kein fertiges Rezept für entsprechende Reformen. Aber es gibt wenigstens Anhaltspunkte dafür. Ich möchte vier solche Anhaltspunkte nennen.

  1. Umgestaltung der Rechtsformen der Unternehmung zur Minderung des Wachstums­drangs. Die moderne Wirtschaft wird von der Aktiengesellschaft dominiert. In dieser ist, wie oben dargestellt, ein besonderer Wachstumsdrang eingebaut. Dieser ergibt sich daraus, dass für die Aktiengesellschaft selbst nur der Teil des Reingewinns Gewinn ist, den sie nicht als Dividende ausschüttet, son­dern zurückbehält, um ihn zu reinvestieren, d.h. um zu wachsen. Die Aktio­näre sind mit der Reinvestition eines Teils des Gewinns einverstanden, weil man wegen der Investitionen in der Zukunft noch höhere Dividenden erwarten kann und sich aufgrund dieser Erwartungen heute schon eine Steigerung des Aktien­werts ergibt, von dem die Aktionäre mehr profitieren als wenn sie sich heute hohe Divi­denden auszahlen lassen. Dies führt zu einer extremen Gewinn- und Wachstums­orientierung der AG, die es ihr ausserordentlich erschwert, Masshal­tung bei der Gewinnsteigerung zu üben und vor allem auch den Blick darauf zu richten, welche Produkte überhaupt sinnvoll produziert werden und wie sie auch unter einem ökologischen Gesichtspunkt produziert werden können. Dies führt zur Frage, ob nicht im Sinne einer Reform des Gesellschaftsrechts die Aktien­ge­sellschaft in Zukunft ersetzt werden muss durch eine Unternehmungsform, die auf dem Stiftungsrecht beruht, d.h. nicht in erster Linie auf Gewinnerzielung, sondern auf das in der Stiftungsverfassung genannte Produktionsziel ausgerichtet ist. Als gesunde Unternehmung wird dann nicht mehr  eine Unternehmung gelten, die „gesunde“ Gewinne erzielt, sondern die auch unter ökologischen Aspekten bzw. Aspekten der Nachhaltigkeit gesunde Produkte produziert! Da beim Wachstum der Aktiengesellschaften auch die Differenz zwischen Managerlöhnen und nor­malen Angestelltenlöhnen wächst, sollte eine Reform des Gesellschaftsrechts diese Differenz mindern und so auch zu einer sozialen Nachhaltigkeit beitragen. Gleich­zeitig wird die Tendenz zur Blasenbildung und damit die Krisenexposition der Wirtschaft wesentlich reduziert und so neben der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit die ökonomische Nachhaltigkeit gefördert.
  2. Reform des Geldsystems zur Minderung des Wachstumszwangs. Der Wachstums­zwang kann – ich sage es nochmals – nicht aufgehoben werden, solange man an der Marktwirtschaft wegen der grossen Vorteile, die sie bietet, festhalten möchte. Die Unternehmungen müssen, weil sie bzw. die Kapitalgeber, ein Risiko – ein Marktrisiko – eingehen, als Kompensation dafür einen Gewinn erwarten dürfen. Aber es sollte möglich sein, durch Senkung des Risikos den Anspruch auf Gewinne zum Risikoausgleich, damit auch die Notwendigkeit zur Kredit- und  Geldvermehrung und so auch den Wachstumszwang zu verringern, um die ökologische Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Ein Ansatzpunkt dazu wäre die seinerzeit vom bekannten amerikanischen Ökonomen Irving Fisher lancierte und neuerdings vom deutschen Ökonomen Joseph Huber und vom englischen Ökonomen James Robertson wieder aufgegriffene Idee der sog. „Vollgeldreform“. Gemäss diesem Vorschlag erhält die Zentralbank das ausschliessliche Recht zur Geldschöpfung, indem die Banken verpflichtet werden, die Sichtguthaben, also das Buchgeld, voll, d.h. zu 100% durch Zentralbankguthaben bzw. Banknoten zu decken. Dies würde die Banken zu einer vorsichtigeren Kreditgewährung veran­lassen. Damit würde zusätzlich die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft reduziert, die mit der zu leichtsinnigen Kreditgewährung der Banken zusammenhängt. Dies dient auch der ökonomischen Nachhaltigkeit. Insofern sich dadurch die Möglich­keit der Manager, vorab für sich einen grossen Teil spekulativer Gewinne in Form überhöhter Löhne abzuzweigen, vermindert, wird zusätzlich die soziale Nach­haltigkeit gefördert.

Diesen Reformvorschlägen im Finanzbereich möchte ich noch ergänzende Vorschläge im realen Bereich hinzufügen, nämlich:

  1. Anpassung der Eigentumsformen an das Nachhaltigkeitsziel. Das heute geltende, aus dem römischen Recht übernommene Eigentumsrecht des sog. „Dominiums“ – abgeleitet von dominus = Herr – d.h. des Herrschaftsrechts über die Natur, sollte sukzessive durch ein Eigentumsrecht des „Patrimoniums“ – abgeleitet von „pater“ = Vater ­– ersetzt werden. Das Dominium ist das Recht des – wie es im Lateinischen heisst – „ius utendi et abutendi re sua“, d.h. des Rechts zum Ge­brauch (utendi) und zum Verbrauch (abutendi) der Natur, d.h. des Rechts auf bedenkenlose Übernutzung der erneuerbaren Ressourcen und des Verbrauchs der nicht-erneuerbaren Ressourcen. Dieses Dominium-Recht ist heute weltweit geltendes Gesetz. Demgegenüber enthält das Eigentumsrecht des Patrimoniums, das sonst gegolten hat, nur das Recht, sein Eigentum, das man vom Vater (= Pater) geerbt hat, so zu nutzen, dass man es seinen Kindern weitervererben kann. Man sollte es also nicht vernutzen bzw. verbrauchen. Es geht darum, im Sinne dieses Patrimoniums und der Nachhaltigkeit das Eigentumsrecht durch bestimmte Eigentumspflichten zu ergänzen, d.h. durch Pflichten für einen sorg­samen Umgang mit den Naturgütern.
  2. Einbau der Eigenarbeit und eines u.U. obligatorischen Sozialdienstes in die Einkommenspolitik. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass nicht nur monetär entgoltene Arbeit, also der Lohnerwerb, massgebend ist für die Ver­sorgung mit Gütern und Dienstleistungen, sondern auch die Eigenarbeit, d.h. die Arbeit zur Selbstversorgung, sowie die Sozialdienste zur gegenseitigen Hilfe. In vielen Bereichen liefert die Eigenarbeit und die persönliche Dienstleistung sogar eine wesentlich bessere Qualität, weil sie mit persönlichem, menschlichem Ein­satz verbunden ist, statt dass alles nur den unpersönlichen Maschinen, Appa­raten und Automaten überlassen wird. Dies schafft auch neue Freiheitsräume in Bezug auf den Umgang mit Geld und reduziert die Notwendigkeit zur Kapitalisierung des Geldes.

Das übergeordnete Ziel aller vier Postulate ist, durch Minderung der Wachstumsraten den Naturverbrauch so weit zu reduzieren, dass der dann noch stattfindende tendenzielle Verbrauch durch Qualifizierung des Wachstums vermieden werden kann, so dass neben der ökonomischen und sozialen auch eine ökologische Nach­haltigkeit erreicht wird. Für diese Qualifizierung möchte ich auf die verschiedenen Postulate im „Grünen Manifest“ verweisen.

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Mit diesen Bemerkungen möchte ich es bewenden lassen. Sie sollen ansatzweise das Ausmass der Reformen verdeutlichen, die notwendig sind, wenn man die Kri­senanfälligkeit unserer Wirtschaft an der Wurzel, d.h. am Wachstumszwang und Wachstumsdrang, anpacken will. Auf jeden Fall gilt, dass man die komplexen Mechanismen verstehen muss, auf denen die moderne Wirtschaft beruht. Ohne Verständnis dieser Mechanismen und der ihr eigenen Magie fallen alle Vorschläge ins Leere oder können sogar das Gegenteil von dem bewirken, was man erreichen will. Man muss die Magie verstehen, wenn man sie meistern will. Dies hat schon Goethes Zauberlehrling erfahren müssen, der wusste, wie man die Zauberkräfte in Gang setzt, die eine ständige Mehrproduktion ermöglichen, aber nicht, wie man sie wieder bändigt, wenn die Schäden, die sie verursacht, überhandnehmen. Der weise alte Meister, der in Goethes Gedicht dem Zauberlehrling zu Hilfe kommt, fehlt leider. Wir müssen daher selber die entsprechende Weisheit erlernen. Wir sollten es jedenfalls versuchen!

 

Literatur: Hans Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale, Metropolis-Verlag, Marburg, 2006