Von wachsenden Problemen nicht ablenken

Von wachsenden Problemen nicht ablenkenBetrachtet man die Medien der letzten Tage und fast schon Wochen, so war die alles bewegende Frage, was Rainer Brüderle (FDP) angeblich zu einer Journalistin über ihre hübschen Brüste schon vor einem Jahr gesagt haben mag. Auch Europa hatte schöne Brüste, wie vom Künstler Helmut Lutz in der Europastadt Breisach dargestellt (siehe Bild). Vielleicht ist das auch Sinnbild dafür, wie wichtige Angelegenheiten durch Ablenkung völlig aus dem Blick geraten können.

Es liegt an den Medien selbst, ob sie “Sex and Crime” mit Nachrichten vermengen oder den Anspruch einer Informationspresse zu erfüllen suchen. Zu berichten gäbe es jedenfalls reichlich bedeutende Dinge für das Schicksal auf Erden. Da wäre zunächst die Weltbevölkerung zu nennen, welche zur Jahreswende 2012/2013 eine Einwohnerzahl von 7,1 Milliarden Menschen aufwies. Jährlich kommt eine Menschenzahl in der Größenordnung der Einwohnerzahl Deutschlands hinzu. Die Erde unterdessen wächst leider nicht mit. Dies bedeutet einen Anstieg der Bevölkerungsdichte, was alles andere als eine nachhaltige Entwicklung darstellt. Hierüber müßte dringend mehr aufgeklärt und nach Handlungsoptionen gesucht werden.

Auch Deutschland selbst ist – erstmals seit 2002 – Ende 2011 gegenüber dem Vorjahr wieder gewachsen, um 92.000 Personen. Bis zum Juli 2012 kam noch einmal ein Wachstum um 80.000 Personen hinzu. Dieses Wachstum in Höhe von zusammen 172.000 Personen – auf rund 82 Millionen – entspricht der Einwohnerzahl von Saarbrücken. Bedingt ist dieser Zuwachs laut dem Statistischen Bundesamt vor allem durch einen Wanderungsüberschuß in Höhe von 279.000 Personen – was dann schon der Einwohnerzahl von Wiesbaden entspricht.

Das weist nicht nur einen diskussionswürdigen integrationspolitischen Aspekt auf. Auch die ökologische Bilanz ist zu sehen. Mit zunehmender Bevölkerungszahl nimmt der Verkehr zu, der Energieverbrauch und die Flächenversiegelung ebenfalls. Dabei lauten die offiziellen politischen Zielvorgaben in Deutschland auf eine Reduktion der Flächenversiegelung und auf eine Energiewende u.a. durch weniger Energieverbrauch. Solche Widersprüche werden schicksalsergeben hingenommen, sofern sie überhaupt bemerkt werden. Um so mehr bleiben kritische Fragen zu stellen. War es etwa sinnvoll, so viele Länder in die EU aufzunehmen, wie das heute der Fall ist, obwohl diese teilweise das Wohlstandsgefälle verstärken und daher Wanderungsströme auslösen, die kaum zu kontrollieren sind? Was schicksalsergeben hingenommen wird, erscheint bekanntlich alternativlos. Aber Alternativen müssen gesucht und diskutiert werden. Wo kämen wir da sonst hin?

Die Antwort gibt ein jüngster Bericht einer EU-Beratergruppe, die fordert, die Medien stärker mittels Medienräte zu überwachen, ob sie „Pluralismus und Qualität wahren“. Überwacht werden sollen die Einhaltung von „europäischen Werten“, „Bußen“ sollen ausgesprochen, „Entschuldigungen“ verfügt und bei Nichtbefolgung der „journalistische Status zu entziehen“ ermöglicht werden. Wer die Definitionsmacht besitzt festzulegen, wogegen verstoßen werden kann, kontrolliert dann die Medien, so einfach ist das. Sogar “über ihre Grenzen hinaus” soll die EU “eine klare Verantwortung” nach ihrem Verständnis von europäischen Werten ausüben. Damit fühlt sich dann auch die Schweiz angesprochen. Der FDP-Landrat in Basel-Land, Christoph Buser, schreibt in seinem Beitrag für die Basler Zeitung vom 29. Januar unter der Überschrift „EU will Presse an die Zügel nehmen“: Die geschmiedeten EU-Medienkontrollpläne würden “gut dem Gebaren untergegangener Diktaturen wie der DDR oder der Sowjetunion oder auch dem noch existierenden Nordkorea entsprechen”. Nun ist eine Empfehlung einer EU-Beratergruppe noch keine Umsetzung, aber sicher eine Wegmarke mehr auf dem Entwicklungspfad zu einer “Sowjetunion light”, wie sie in dem Band „Die Europäische Union. Perspektiven mit Zukunft?“ 2012 thematisiert wurde. Hier liegen die Probleme der Gegenwart.

(V. Kempf, 02./03. Februar 2013)

Zu den Bevölkerungszahlen und ihren Quellen siehe Schwerpunktthema      

 

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