Unterwegs zur Zukunftsfähigkeit?

Das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltfragen (WBGU) von 2011

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hatte 2011 sein enorm wichtiges Hauptgutachten zum notwendigen Wandel der Weltgesellschaft hin zu einer klimaverträglichen Wirtschafts- und Lebensform vorgelegt. Es ist als Beitrag zur Rio+20-Konferenz im Juni 2012 gedacht und trägt den Titel Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Das Echo auf diese 420 Seiten starke Behandlung langfristiger Überlebensfragen war in den Medien gleich null.

Daran änderte auch die 34 Seiten lange Kurzfassung nichts. Es ist, als gäbe es dieses Gutachten gar nicht. Unsere Mediengesellschaft zieht es vor, sich mit völlig sekundärem politischem Kleinkram zu beschäftigen, z.B. mit der nun wirklich weltbewegenden Frage: Wer wird neuer Umweltminister? Unserer Verantwortung für nicht mehr und nicht weniger als die blanken Überlebenschancen unserer Kinder werden wir so sicher nicht gerecht.

Der WBGU setzt sich aus führenden Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen zusammen, die im Gutachten eine Fülle wertvoller Informationen zusammengetragen haben, wobei sich hier gelegentlich kleine Fehler eingeschlichen haben. So wird, im Teil Landnutzung und Ernährung, vor dem Verbrauch von Rindfleisch gewarnt, was in dieser allgemeinen Form ganz unsinnig ist. Zu warnen ist vor Rindfleisch aus Intensivhaltung mit Verwendung von Importsoja, ansonsten ist in einer zukünftigen Welt mit äußerst knappen Nahrungsressourcen Rindfleisch aus einer extensiven Weidehaltung natürlich notwendig, denn etwa 70 Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen können nur (oder sollten aus ökologischen Gründen) durch Weidewirtschaft genutzt werden. Um dies zu erkennen brauchen wir auch gar nicht in die Ferne zu schweifen: Denken wir an die trockengelegten Moore Deutschlands, wo irrsinniger Weise oft sogar Ackerbau getrieben wurde mit der Folge riesiger CO2 Emissionen. Moore, die trockengelegt werden, verlieren durch Oxidation von Torf laufend an Substanz. Hier können ökologisch sinnvoll Robustrinderrassen zur Beweidung der Moorvegetationen eingesetzt werden. Gleiches gilt für die Almbewirtschaftung und riesige Flächen in Eurasien. Und nicht nur dort. Aber das sind nur Detailprobleme, so wichtig sie für sich genommen sind.

Man muss hier sehen, dass solche Gutachten mehr sind (oder sein sollten) als wissenschaftliche Sammelreferate über objektivierbare Fakten. Wer Politikberatung betreibt, muß unvermeidlich in oft kontroverse politische Debatten mit unbequemen Wahrheiten eingreifen. Es gehört dazu Verantwortungsgefühl und Zivilcourage. Man muss wagen, gelegentlich politische Tabus anzurühren. Nicht jeder, darf man sagen, hat dazu die Statur….

So behandelt der WBGU in extenso die Probleme der weltweiten Landnutzung und die explosionsartig wachsenden urbanen Räume mit ihrem riesigen Umweltverbrauch. Kann man diese Themen behandeln ohne auf die Bevölkerungsexplosion in den armen Ländern (vor allem: Subsaharastaaten) einzugehen? Man sollte meinen, das sei unmöglich. Der WBGU geht aber gerade so vor. Er behandelt das weitere, in absoluten Zahlen unvergleichliche Wachstum der Weltbevölkerung als ein unveränderbares Phänomen, das wir hinzunehmen hätten. Das ist eine bequeme, unverantwortliche Position gegenüber diesem Phänomen, welches nun auch kein unveränderbares kulturtypisches Faktum ist. Erinnert sei daran, dass beispielsweise islamische Länder, wo man aus westlicher Sicht dergleichen nicht unbedingt erwartet hätte, beachtliche Fortschritte in der Bevölkerungspolitik gemacht haben. Genannt seien als Beispiele hier Algerien, Iran, Tunesien. Nein, die Bevölkerungsexplosion unserer Zeit ist ein Symptom von Armut, fehlender schulischer Weiterbildung (vor allem von Frauen!) und gelegentlich fehlender Frauenrechte.

Muß man den gelehrten Mitgliedern des WBGU erst ins Stammbuch schreiben: Alle Umweltprobleme dieser Welt ließen sich bei einer kleineren Weltbevölkerung leichter lösen? Der Zuwachs an Menschen beträgt bis 2050 nach mittlerer UN Prognose 2,3 Milliarden Menschen. Das ist etwa soviel wie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf der Erde überhaupt lebten! Und diese 2,3 Milliarden kommen in nur 38 Jahren zu den bereits vorhandenen 7 Milliarden noch hinzu. Und alle wollen, verständlicher Weise, was die materiellen Ansprüche angeht, langfristig alle so leben wie wir. Die für Familienpolitik zuständige UN Organisation UNFPA hat zur Bevölkerungsproblematik einige Forderungen aufgestellt. Kein Wort davon im WBGU Gutachten….

Glaubt irgend jemand, dass wir so, mit hartnäckigem Totschweigen tabuisierter Themen die Welt retten können? Oder anders gesagt: Wie will man Probleme einer Lösung näher bringen, deren Dimensionen vollständig anzusprechen man schon nicht den Mut hat? Das kann nicht ein zielführender Ansatz sein.

Aber nun der Clou: Vorsitzender des WBGU ist Prof. Schellnhuber. Ein hoch angesehener Wissenschaftler. Dieser war dabei, als vor mehr als einem Jahr in der Evangelischen Akademie in Tutzing dieses Gutachten vorgestellt wurde. Schellnhuber wurde nun gefragt, wie hoch seiner Meinung nach maximal die Weltbevölkerungszahl sein könne, um noch langfristig nachhaltig leben zu können. Die Antwort von Prof. Schellnhuber: Er schätze 2 Milliarden.

Wir wollen nun nicht ungerecht sein. Das war seine private Meinungsäußerung. Dennoch: Wenn, was ja recht wahrscheinlich ist, im Jahr 2050 9,3 Milliarden Menschen auf der Welt vorhanden sind, wären das dann 7,3 Milliarden zu viel. Eine unvorstellbar große Zahl. Was geschieht mit denen? Auf den Mond schießen? Verhungern lassen? In Bürgerkriegen umbringen? Herbert Gruhl sah am Ende seines Lebens eine Umweltkatastrophe der Menschheit voraus. Er sprach von einer “Himmelfahrt ins Nichts“. Diese wäre vielleicht abwendbar, wenn wir es wirklich wollten und wichtige Faktoren konsequent berücksichtigen. Das wären immens wichtige Schritte zu einer großen Transformation, zu einem Wandel, alles andere bleibt dagegen doch eher ein Schritt mehr in Richtung Zusammenbruch. Das kann man auch heute noch sagen.

Bleibt abschließend die Frage: Ermutigt das WBGU- Gutachten dazu, auf eine große Transformation zu einer langfristig nachhaltig lebenden Weltgesellschaft zu hoffen?

(Dr. G. Fenske, 28./29.5.2012)

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Online, unter: 

(http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptg utachten/jg2011/wbgu_jg2011.pdf) + Kurzfassung: (http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptg utachten/jg2011/wbgu_jg2011_ZfE.pdf)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.