Sieben Milliarden Menschen

Am 31. Oktober 2011 soll die Weltbevölkerung die Sieben-Milliarden-Grenze durchbrechen. Wie bei jeder zusätzlichen Milliarde Menschen zuvor auch schon, greifen das die Medien auf. Zahlen lassen sich verschiedentlich aufgreifen, um globale und regionale Entwicklungen aufzuzeigen.

Eine wichtige, aussagekräftige Zahl lautet, daß in kaum mehr als 200 Jahren die Weltbevölkerung sich versiebenfacht hat. In diese Entwicklungslinie fügten sich immer wieder Stimmen der Besorgnis ein. Eugen Kogon etwa erklärte 1968 unter der Überschrift „Bedingungen der Humanität“, daß mit jeder zusätzlichen Milliarde Menschen auf dem Erdball der „Bevölkerungsdruck“ wächst. Er meinte damit, daß die Lebensqualität auf Erden in Gefahr gerät. Es komme bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus zu Machtverschiebungen unter den Staaten und Kontinenten. Er dachte an China sowie Indien und die islamische Welt. Indien wird bis 2025 China als bevölkerungsreichstes Land ablösen, läßt sich heute präzisieren. Die westliche Welt wird hingegen zu einer immer kleineren Minderheit. Das ließ sich auch vor 40 Jahren schon überblicken. Autoritäre Staatslösungen würden wahrscheinlicher werden, konstatierte vor diesem Hintergrund Kogon. Die Ausbreitung der Megastätte und der Industriewirtschaft sei ebenso unausweichlich wie problematisch. Die ökologischen Folgen dieses heute Globalisierung genannten Prozesses explizierte Kogon noch nicht, gerieten aber in den 1970er Jahren unter großer Resonanz in den Blick: Urwälder und Artenvielfalt schwinden, Fischbestände werden geplündert, nicht erneuerbare Ressourcen vermehrt verbraucht. In den 1980er und 1990er Jahren wurden diese ökologischen Probleme vom Zusammenhang Bevölkerungsdruck weithin abgelöst; davon zu reden war nicht mehr opportun.

Das dürfte vor allem autosuggestive Gründe haben, nach der Devise, worüber nicht gesprochen wird, das existiert nicht. Das könnte schließlich den Glauben an die Planbarkeit der Welt stören. Einzelprobleme lassen sich leichter angehen. Aber im Ganzen gesehen sieht alles viel schwieriger aus, wie Herbert Gruhl gerne betonte. Doch helle Töne waren mehr gefragt. Sich mit Stimmungen über die Wirklichkeit hinwegzusetzen ist aber ein vergebliches Unterfangen. Es führt kein Weg daran vorbei, dem Bevölkerungsdruck in der weiten Welt durch eine engagierte Unterstützung von Familienplanung zu begegnen. Wie das Beispiel Indien deutlich macht, ist dafür auch Bildung wichtig, die dort notorisch schlecht ist. Daß das Bevölkerungswachstum in Indien vor Ort auch noch als Zeichen der Hoffnung für Wirtschaftswachstum gewertet wird, zeigt zudem, wie wenig ein Problembewußtsein dafür weltweit vorhanden ist. Wenn die Menschheit ungebremst weiter wächst, sind alle anderen Maßnahmen von nur eingeschränktem Erfolg und bleiben isolierte Erscheinungen. Wissenschaft, Verbände und UNO sind hier in der Bringschuld, die Medien natürlich auch, das vermehrt zu problematisieren.  (V. Kempf, 28.10.2011)

Siehe auch: Statement