Herbert Gruhl – Kurzbiographie

Herbert_Gruhl_im_Bundestag.jpg Kurzbiogarphie 1
Ende der 1970er Jahre im Deutschen Bundestag

Geb. 22. 10. 1921 Gnaschwitz (Sachsen); gest. 26. 6. 1993 Regensburg. Konservativer ökologischer Politiker und Schriftsteller. Bauernsohn aus alteingesessener Oberlausitzer Familie. Nach Kriegsdienst und Flucht aus der Gefangenschaft nahm Herbert Gruhl in Berlin ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie auf, das 1957 mit einer Promotion über Hugo von Hofmannsthal abgeschlossen wurde. 1954 Eintritt in die CDU. Kommunalpolitisches Engagement im Raum Hannover. 1969 Wahl in den Deutschen Bundestag, dem er bis 1980 angehörte. Mitglied des Innenausschusses und der Arbeitsgruppe für Reaktorsicherheit und Strahlenschutz. 1970-76 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Umweltvorsorge in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Bereits seine erste Rede im Parlament am 16. 12. 1970 galt der Umweltpolitik. Allgemeine Aufmerksamkeit errang Gruhl 1975 mit der Veröffentlichung des Bestsellers „Ein Planet wird geplündert“, einer schonungslosen Bilanz der Raubbau- und Zerstörungspolitik gegenüber den natürlichen Lebensgrundlagen. In der Folge wurde Herbert Gruhl zu einer Kristallisationsfigur der sich formierenden Umweltbewegung. 1975-77 stand er dem „Bund Natur- und Umweltschutz“ (BUND) vor.

 

Gleichzeitig zunehmende politische Dissonanzen zwischen der CDU und Gruhl in Fragen der Atom- und Wirtschaftspolitik führten 1978 zum Parteiaustritt des Umweltpolitikers. Herbert Gruhl rief daraufhin die „Grüne Aktion Zukunft“ (GAZ) ins Leben, die sich 1979 mit der entstehenden Partei „Die Grünen“ zusammenschloß. Zur Europawahl 1979 waren Petra Kelly und Herbert Gruhl die Spitzenkandidaten der Grünen, die bei diesem ersten bundesweiten Wahlantritt 3,2 % der Stimmen errangen. Aufgrund einer bald einsetzenden Linksdrift der „Grünen“ trennte sich Herbert Gruhl 1981 von diesen. 1982 wurde die formell weiterbestehende GAZ mit anderen wertkonservativen Öko-Gruppierungen zur „Ökologisch-Demokratischen Partei“ (ÖDP) verschmolzen.

Als deren Bundesvorsitzender versuchte Herbert Gruhl in den Jahren 1982-1989 vergeblich, einen konservativen parteipolitischen Arm der Umweltbewegung zu etablieren. Personelle und programmatische Querelen führten 1989 zum Rücktritt Gruhls vom Vorsitz und 1990 zum Parteiaustritt. Daraufhin beteiligte sich Herbert Gruhl mit anderen konservativen Umweltschützern (u.a. Baldur Springmann) an der Gründung der überparteilichen Gruppierung der „Unabhängigen Ökologen Deutschlands“. In seinen letzten Lebensjahren galt sein Augenmerk der Arbeit an seinem Spätwerk „Himmelfahrt ins Nichts“. Mehr noch als Politiker hat Gruhl sich als Schriftsteller und konservativer Mahner vor dem leichtfertigen Umgang mit der Natur einen bedeutenden Rang erworben. Stellte „Ein Planet wird geplündert“ noch vorwiegend eine Bilanz der Umweltzerstörung dar, so wurden in „Das irdische Gleichgewicht“ konsequent die geistigen und gesellschaftlichen Ursachen eines selbstmörderischen Umgangs mit der Umwelt hinterfragt. Anstelle eines leichtgläubigen Vertrauens in ein immerwährendes wirtschaftliches Wachstum und den technischen Fortschritt setzte Gruhl – teilweise in Anlehnung an Ludwig Erhards Politik des Maßhaltens – den Appell an eine Ethik des Verzichts, der Bescheidenheit und die Umkehr zu traditionellen Werten wie Familie und Heimat. Diese Haltung umschrieb er mit dem 1988 von ihm geprägten Begriff des „Naturkonservatismus“.

gruhlhan10.gif Kurzbiogarphie 2
1988 , ÖDP-Bundesparteitag in Hannover

Gleichzeitig zunehmende politische Dissonanzen zwischen der CDU und Gruhl in Fragen der Atom- und Wirtschaftspolitik führten 1978 zum Parteiaustritt des Umweltpolitikers. Herbert Gruhl rief daraufhin die „Grüne Aktion Zukunft“ (GAZ) ins Leben, die sich 1979 mit der entstehenden Partei „Die Grünen“ zusammenschloß. Zur Europawahl 1979 waren Petra Kelly und Herbert Gruhl die Spitzenkandidaten der Grünen, die bei diesem ersten bundesweiten Wahlantritt 3,2 % der Stimmen errangen. Aufgrund einer bald einsetzenden Linksdrift der „Grünen“ trennte sich Herbert Gruhl 1981 von diesen. 1982 wurde die formell weiterbestehende GAZ mit anderen wertkonservativen Öko-Gruppierungen zur „Ökologisch-Demokratischen Partei“ (ÖDP) verschmolzen.

Als deren Bundesvorsitzender versuchte Herbert Gruhl in den Jahren 1982-1989 vergeblich, einen konservativen parteipolitischen Arm der Umweltbewegung zu etablieren. Personelle und programmatische Querelen führten 1989 zum Rücktritt Gruhls vom Vorsitz und 1990 zum Parteiaustritt. Daraufhin beteiligte sich Herbert Gruhl mit anderen konservativen Umweltschützern (u.a. Baldur Springmann) an der Gründung der überparteilichen Gruppierung der „Unabhängigen Ökologen Deutschlands“. In seinen letzten Lebensjahren galt sein Augenmerk der Arbeit an seinem Spätwerk „Himmelfahrt ins Nichts“.

Mehr noch als Politiker hat Gruhl sich als Schriftsteller und konservativer Mahner vor dem leichtfertigen Umgang mit der Natur einen bedeutenden Rang erworben. Stellte „Ein Planet wird geplündert“ noch vorwiegend eine Bilanz der Umweltzerstörung dar, so wurden in „Das irdische Gleichgewicht“ konsequent die geistigen und gesellschaftlichen Ursachen eines selbstmörderischen Umgangs mit der Umwelt hinterfragt. Anstelle eines leichtgläubigen Vertrauens in ein immerwährendes wirtschaftliches Wachstum und den technischen Fortschritt setzte Gruhl – teilweise in Anlehnung an Ludwig Erhards Politik des Maßhaltens – den Appell an eine Ethik des Verzichts, der Bescheidenheit und die Umkehr zu traditionellen Werten wie Familie und Heimat. Diese Haltung umschrieb er mit dem 1988 von ihm geprägten Begriff des „Naturkonservatismus“.

1992
1992

In seinem stark von Nietzsche beeinflußten letzten Buch „Himmelfahrt ins Nichts“ (1992) attestierte Gruhl der Menschheit angesichts von Bevölkerungsexplosion, ungebremstem Ressourcenverbrauch und globaler Ausbreitung der „multikulturellen“ Industriegesellschaft das unabwendbare Ende: „Die Vereinheitlichung der Welt ist ein Meilenstein zu ihrem Ende … So wie die technische Zivilisation absolut einmalig in der Geschichte des Menschen ist, so einzigartig wird auch ihr Ende sein. Sie wird nicht an kultureller Degeneration zugrunde gehen, sondern an der physischen Ausplünderung der Erde, wobei heute alle Völker einmütig handeln.

Der Erdkreis quillt erstmalig an Menschen über; die Grenzen der natürlichen Räume, der Grundstoffvorräte und der Belastbarkeit der Natur sind infolge der Menschenmassen weit überschritten. Der Rest der Tragödie ist nur noch eine Folge der Zeit, in der jetzt die Vorgänge eskalieren“.

(Heinz-Siegfried Strelow)
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PRIMÄRLITERATUR I, Bücher: Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik, Frankfurt a.M. 1975; Das irdische Gleichgewicht – Ökologie unseres Daseins, Düsseldorf 1982; Glücklich werden die sein … Zeugnisse ökologischer Weltsicht aus vier Jahrtausenden, Düsseldorf 1984; Häuptling Seattle hat gesprochen. Der authentische Text seiner Rede mit einer Klarstellung, Düsseldorf 1984; Der atomare Selbstmord, München 1986; Unser konservativer Protest. In: Ökologie u. Politik, 16, 1986, S. 1-2; Überleben ist alles (Autobiographie), München 1987; Himmelfahrt ins Nichts. Der geplünderte Planet vor dem Ende, München 1992.
PRIMÄRLITERATUR II, Schlüsseltexte, Interviews und Reden*: Die grüne Notwendigkeit. in: R. Brun (Hrsg.): Der grüne Protest, Frankfurt/M. 1978, S. 117-125; Der materielle Fortschritt und die Reduzierung der Menschlichkeit. In: H.-W. Lüdtke, O. Dinné (Hrsg.): Die Grünen. Personen, Projekte, Programme, Stuttgart 1980, S. 22-35;Die Überlebensnotwendigkeit ökologischer Politik. Grundsatzrede auf dem Gründungsparteitag der ÖDP (Brosch., 8 S.) Bonn 1982*; Der Verrat an Ludwig Erhard. In: Der Spiegel, 25, 1983*, S. 76-77; Gehört die Welt dem Menschen oder der Mensch der Welt? In: Studienzentrum Weikersheim (Hrsg.): Umweltschutz, Herausforderung unserer Generation, Mainz 1984; S. 50-62*; Meine Liebe zu Deutschland. In: Mut, 217, 1985, S.24-29; Zehn weitere Jahre Plünderung des Planeten. In: Ökologie u. Politik, 12, 1985; S. 5-8*; Was ist rechts, was ist links? Rede auf dem ÖDP-Bundesparteitag 1988. In: Ökologie u. Politik 29, 1988, S. 3-4*; Ist das zerstörte Fließgleichgewicht wieder herstellbar? In: Nationale schweizerische UNESCO-Kommission (Hrsg.): Kolloquium über „Wissenschaft, Technik, Gesellschaft – Wege zu einem neuen Fließgleichgewicht“. Schlußbericht, Bern 1989, S. 7-21;Die Menschheit ist am Ende. In: Der Spiegel, 49, 1992, S. 267-272*; Die Fahrt in den Abgrund. Ist die ökolog. Katastrophe noch zu stoppen?. In: Wir selbst, 1-2, 1992, S. 6-13; Krieg mit uns selbst. In: Der Spiegel 49, 1992, S. 267-272*
(Die mit * gekennzeicneten “Schlüsseltexte, Interviews und Reden” finden sich im Band: Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden. Schlüsseltexte, Interviews und Reden (1976-1993). Mit einem einleitenden Essay von Franz Vonessen, herausgegeben von Volker Kempf. Bern, Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang Verlags AG, 2005, 274 Seiten.)

SEKUNDÄRLITERATUR: A. L. Vogel: Das Politische bei Carl R. Rogers. Versuch einer Annäherung mit der Darstellung von ausgewählten Strukturanalogien zur Programmatik der Ökologisch-Demokratischen Partei, Frankfurt a. M. 1989; R. van Hüllen: Ideologie und Machtkampf bei den Grünen, Bonn 1990; U. Scheuch: Herbert Gruhls Weg von der CDU zu den Grünen, in: V. Kempf: Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie, Graz 2008; M. Schroeren (Hrsg.): Die Grünen. Zehn bewegte Jahre, Wien 1990; P. Meier-Bergfeld: Der Chronist des Untergangs, in: Rheinischer Merkur, 12. 6. 1992; J. Raschke: Die Grünen, Köln 1993; V. Kempf: Gruhls Rache oder: Über die Wiederkehr des Verdrängten, in: Jahrbuch Ökologie 1999, München 1998; F. Alt: Herbert Gruhl – Vordenker und Querdenker, in: 20 Jahre ödp, Rimpar 1999; J. Fuchs: Der grüne Verrat. Niedergang einer Vision, Frankfurt a. M. 2005; F. Vonessen: Ein Wachstum zum Tode, in: Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden, Frankfurt a. M. 2005; V. Kempf: Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie, Graz 2008; Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. (Hg.), Naturkonservativ. Jahrbuch, Essen/Bad Schussenried 2001 ff.