Regeneration – Zu einer theosophischen Begründung der Ökologie

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Zweifellos wurde das berühmte Genesis-Zitat 1,28 „geradezu als Magna charta rücksichtsloser Naturbeherrschung und anthropozentrischen Hochmuts“ begriffen, wie Gerd-Klaus Kaltenbrunner 1976 feststellte.

Er vergaß aber nicht darauf hinzuweisen, dass die Bibel auch ein anderes Verhältnis des Menschen zur Natur formuliert, ein weniger „imperialistisches“, so etwa in Genesis 2,15: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ So stehen im jüdisch-christlichen Denken zwei unterschiedliche Zugänge nebeneinander: einer, der auf totale Beherrschung zielt, neben einem, der auf Bewahrung, auf Pflege und Sorge gestimmt ist.

Die Geschichte ist bekannt. Nicht nur, dass sich die Menschen die Welt einrichteten; sie richteten sie planmäßig zu und stellenweise hin. Die Ideologie des Naturbesitzes und der Naturbeherrschung ging logisch auf in kolonialer Ausbeutung, industrieller Verwüstung und allgemeiner Vergeudung, während jener andere Zugang der Bewahrung und Pflege erst im 20. Jahrhundert wieder ins Bewusstsein gerückt wurde.

Dabei blieb dieser alternative Zugang doch untergründig immer vorhanden, auch und gerade im 18. Jahrhundert der so selbstgewissen Aufklärung, freilich ohne jemals tonangebend werden zu können. In seinem überaus lesenswerten Buch Theo-Sophia – Christlich-abendländische Thesophie. Eine vergessene Unterströmung (Die Graue Edition, 2007) widmet sich Gerhard Wehr einer sehr interessanten Textstelle bei Karl von Eckartshausen (1752-1803). In dessen philosophisch-esoterischen Schriften taucht der Gedanke der „Regeneration“ auf, dem ich hier kurz nachgehen möchte.

Den heilsgeschichtlichen Moment des Opfertods Christi, sein Sterben am Kreuz deutet Eckartshausen als Transformation: als Jesus verschied und „die Kraft seines vergossenen Blutes das Innerste der physischen Natur durchdrang“, zerriss, gemäß der biblischen Überlieferung nach Matthäus 27,51ff., der Vorhang im Tempel in zwei Stücke, begann die Erde zu beben; Felsen zersprangen und die Toten kamen aus ihren Gräbern. Diese Erschütterung der Welt, die Verfinsterung der Sonne markieren auf unmissverständliche Weise einen Wendepunkt: auf den Tod und die absolute Dunkelheit folgen Auferstehung, Licht und neues Leben. Über diesen Umschwung schreibt Eckartshausen: „Die allwirkende Kraft der entwickelten Licht-Substanz durchströmte die innerste Natur, um selbige zur Regeneration zu befähigen, damit der Baum des Lebens wieder aufgrünen konnte.“

Das klingt nun alles recht kryptisch. Aber sehen wir uns die beiden Hauptgedanken näher an.

Was hier in theosophischer Bildersprache dargestellt wird, ist – das ist der erste Gedanke – die Vereinigung des Blutes Christi mit der Erde („sein vergossenes Blut“). Das göttliche Blut sickert in die Erde, es tränkt den Boden, und dank der ihm eigenen Kraft heiligt es die Erde. Wehr spricht von einer „Fermentierung, die der Heilung des Organismus Erde dient“. Der Kreuzestod, der als Jesu Opfer, die Sünden der Menschen auf sich zu nehmen, den Charakter der universalen Erlösung trägt, besitzt somit gewissermaßen eine „ökologische Dimension“. Denn indem das Blut Jesu auf und in die Erde fließt, wird – und das ist der zweite Gedanke – eine „Regeneration“ des Lebens in Gang gesetzt, „damit der Baum des Lebens wieder aufgrünen konnte“. Dem Menschen wird ein doppelter Neuanfang geschenkt.

Dazu schreibt Wehr: „In der relativ ‚heilen Welt’ des 18./19. Jahrhunderts mit ihrer kaum gestörten Landschaft und relativ gesunden Atmosphäre, konnten jene Autoren noch nicht ermessen, welche Mahnung und welche Aufforderung für einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung aus derartigen Mitteilungen in der Gegenwart vernommen werden kann. Der spezifisch theosophische Aspekt liegt eben darin, dass die gebotene ökologische Ethik nicht in erster Linie aufgrund zweckmäßiger Erwägungen nach praktischen Konsequenzen verlangt, sondern weil die so verstandene Ökologie letztlich durch die irdisch-kosmische Christustatsache spirituell begründet ist.“

Eine Erkenntnis, die man als wahrlich fundamental bezeichnen kann, auch wenn die naheliegenden Konsequenzen aus ihr nicht gezogen wurden. Jesus und sein Opfer ermöglichen einen Neuanfang, der das Verhältnis von Mensch und Natur im Ganzen betrifft. Und daher ruft Gerhard Wehr auch entschieden aus: „Zu welch einer mitwirkenden Teilhabe an der Erlösung der Welt ist man da aufgerufen, einem Heilwerden, das bei den kleinen Dingen im konkreten Hier und Jetzt beginnt!“

Die hier beschriebene heilende Regeneration stand damals und steht heute prinzipiell gegen die tägliche systematische Aus- und Abnutzung und Zerstörung der Natur, egal ob durch den Verkehr, die Nahrungsmittelindustrie oder in Gestalt des plastic planet. Der Umgang mit der Erde und mit uns findet in den vergessenen theosophischen Spekulationen des Karl von Eckartshausen einen bemerkenswerten Kompass.

 

Im Februar 2013 Dr. Michael Rieger

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