Mitteilungen 2008

HGG-Mitteilungen 2008:

Dezember 2008: Das schwarz-grüne Manifest

November 2008: Ad memoriam Günter Rohrmoser

Jarestagung “30 Jahre Das grüne Manifest” (mehr)

Juli 2008: CDU-Umweltprogramm dringt nicht zum Kern der Probleme vor

Die CDU will umweltbewegte Wähler gewinnen. Dafür hat der CDU-Bundesvorstand ein 25 Seiten langes Grundsatzpapier „Bewahrung der Schöpfung: Klima-, Umwelt- und Verbraucherschutz“ verabschiedet, dem am 1./2. Dezember 2008 der 22. Parteitag zustimmen soll. Da werden in den Medien vielfach Erinnerungen wach (siehe Pressedokumentation). Denn die CDU hatte zur Zeit der aufkommenden Umweltbewegung ihren leidenschaftlichen Umweltexperten Herbert Gruhl seiner Funktionen des Sprechers der Ausschüsse für Umweltvorsorge in Partei und Fraktion 1976 enthoben. Helmut Kohl versuchte 1978 Gruhl noch zu halten, was aber unter den neu geschaffenen Tatsachen nur ein taktisches Manöver sein konnte.

Gruhl trieb die Gründung der Grünen voran, die ihm bald auch nicht mehr ganz grün waren. Gelingt es der CDU nun, ins Lager der Umweltschützer einzudringen, die teilweise auch naturkonservativ sind?

Gewiß ist, das CDU-Umweltpapier setzt ähnlich den Grünen beim Klimaschutz an, wenngleich es auch andere Gründe gibt, die Energieeffizienz voranzutreiben und Alternativenergien zur Marktfähigkeit zu verhelfen. Die Entwicklung „alternativer Kraftstoffe“ und „innovativer Antriebstechnologien wie beispielsweise Elektrofahrzeuge“ sind wichtige Stichworte. Allerdings wird man näher wissen wollen, wie der Biokraftstoffanteil von 10 Prozent ohne Kahlschlag an Urwäldern erreicht werden soll. Die Gewinnung von Biokraftstoffen aus Reststoffen immerhin wird als sinnvoller Weg genannt, wenngleich damit nur ein Teil des Bedarfs wird abgedeckt werden können.

Im Unterschied zu den Grünen nennt das CDU-Papier die hohe Bevölkerungsdichte in Deutschland als Problem. Das wird nicht weiter vertieft, doch könnten sich aus diesem Punkt neue Impulse im umweltpolitischen Diskurs ergeben. Bemerkenswert ist, daß das Verhältnis zum Heimatschutz vergleichsweise unverkrampft daherkommt und auch einen wichtigen Faktor für die Durchsetzung umweltpolitischer Anliegen darstellt. Einen Energiemix will die CDU und dabei auf Atomkraftwerke setzen. Dafür spricht, daß die Energiefrage 2008 eine andere ist als 1978. Denn heute geht es um die Vermeidung von Lücken bei der Stromversorgung, möglichst ohne auf Kohle und Gas zu setzen – vor 30 Jahren stand die Vermeidung des Baus von zu viel Atomkraftwerken im Vordergrund, die sich durch illusorische Strombedarfsprognosen ergaben. Zwischen Nutzen und Risiken der Atomkraftnutzung wird aber nicht ernsthaft abgewogen. Was ist mit der Terrorgefahr? Und was ist mit der ungelösten Endlagerungsfrage?

Der Gedanke von einer „sozialen und ökologischen Marktwirtschaft“, der aus den 1970er Jahren stammt, ist nun bei der CDU angekommen. Genau besehen ist von der Öko-Steuer aber nicht die Rede, womit offen bleibt, was aus ihr werden soll. Dafür wird von Emissionshandel und einer CO2-Steuer in Anlehnung an die KfZ-Steuer gesprochen. Dies beinhaltet noch einen breiten Spielraum der konkreten Auslegung. Das Fahrrad wird als umweltfreundliches Verkehrsmittel in den Vordergrund gestellt, was auf einen Ausbau der Radwegnetze hinausläuft. Gruhl hatte schon Ende er 1970er Jahre geschrieben „Das Fahrrad hat Zukunft“, und heute ist es ein in Mode gekommenes Freizeit- und Verkehrsmittel geworden. Da geht eine Volkspartei keine Risiken ein, dem Rechnung zu tragen.

Wie sehr aber der „Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und die Bewahrung der Schöpfung“ wirklich als „Kernanliegen unserer Politik“, also der CDU, verfolgt wird, hängt auch vom Personal ab. Der Hamburger Sozialsenator Dietrich Werisch, der auch für den Verbraucherschutz zuständig ist, erklärt in einem Interview mit der Hamburger Morgenpost, Gruhls „Ein Planet wird geplündert“ sei für ihn ein Schlüsselwerk. Das spricht dafür, daß es in der Union Leute gibt, für die die real existierenden Grünen nicht das Maß aller umweltpolitischen Dinge sind. Wenn man allerdings in der FAZ vom 14. Juli unter der Überschrift „Energielobbyistin Hildegard Müller“ liest, daß die CDU-Kanzleramtsministerin von der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) als Chefin bestellt wird und sich für einen Wechsel auch gleich sehr aufgeschlossen zeigt, macht das deutlich, daß die Probleme bei der CDU noch immer struktureller Art sind. Gruhl war in der CDU am Lobbyismus der Energie- und Chemiewirtschaft gescheitert. Dieser ist bei der Union noch immer zu Hause und müßte behandelt werden. Analoges gilt für die vorliegend nicht aufgegriffene Tierschutzpolitik, die in der CDU auf Widerstände aus der Agrarindustrie stößt.

(Bewahrung der Schöpfung: Klima-, Umwelt und Verbraucherschutz. Antrag des Bundesvorstandes der CDU Deutschlands an den 22. Parteitag am 1./2. Dezember 2008 in Stuttgart. 25 Seiten, unter: www.cdu.de). (V. Kempf)

Weitere themenrelevante Meldung: Rezension zu Kohls “Erinnerungen”  (http://www.naturkonservativ.de/oekonomie/2005/2005b/kohl-rezension05.html).

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Fleischsteuer wäre zielführender Beitrag für den Natur- und Artenschutz
Beitrag von Edgar Guhde*, 20.05.2008

Anläßlich der UN-Artenschutzkonferenz vom 19. bis 30. Mai in Bonn werden die entscheidenden Thema unserer Epoche in den Medien angesprochen, die fortschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen, die Ausplünderung der Erde zugunsten des sogenannten wirtschaftlichen Wachstums. In der Berliner Zeitung vom 17./18.Mai 2008 klingt unter der Überschrift „Kampf um die Neuverteilung der Natur“ auch sicher mit Recht an, dass die Bonner Konferenz nichts bringen wird, sowenig wie alle vorangegangenen Konferenzen dieser Art und „Protokolle“. Das ist und bleibt so, weil sich immer die materiellen, wirtschaftlichen Interessen durchsetzen, weil die meisten Bürger, Völker und Staaten diese Interessen haben (nicht nur die Konzerne). Und weil den Politikern die langfristigen Perspektiven für den Machterhalt irrelevant sind.

Aber die Aussage, es gehe um Detailprobleme und nicht um die „Rettung der Welt“, muß Widerspruch hervorrufen. Natürlich geht die Erde in den nächsten ca. vier Milliarden Jahren nach unserer Kenntnis nicht „unter“, aber sie wird zur Wüste. Stete, unaufhaltsame Wälderabholzungen, Wüstenausbreitungen, Bodenerosionen, zunehmende Meeresverschmutzungen und Trinkwasserknappheiten, Artenverluste in dramatischer Höhe sind Fakten. Und da darf es eben nicht weiter um die Naturausbeutung wie bisher gehen, da geht es eben nicht an, „den Indonesiern und Brasilianern das Recht einzuräumen, genauso viel Natur zu nutzen wie unsereiner beansprucht.“ Das wird nicht nur „teuer“ (Die Berliner Zeitung läßt offen, was Sie damit konkret meint), das führt zur noch schnelleren Zerstörung von Fauna und Flora (sog. „Nutztiere“ ausgenommen), Luftbelastungen, weiteren Monokulturen, zum Rohstoff- und Energieverbrauch bis zum Geht-nicht-mehr, zur fortschreitenden Betonversiegelung noch offener Flächen, zu weiteren kriegerischen Konflikten um die Ressourcen usw. usf. „Moral und Demokratieverständnis“ gebieten etwas anderes: Dass die Völker und Staaten der sog. höherentwickelten Länder ihren Konsum und ihre Ernährungsweise drastisch umstellen. Die zunehmenden Hungerkatastrophen lassen z.B. den weiteren Fleischkonsum nicht zu. Darauf hinzuweisen ist unpopulär, auch bei der Berliner Zeitung, aber zutreffend.

Der Zusammenhang mit dem Hunger in der Welt ergibt sich bereits daraus, dass ca. 65 % der gesamten Anbaufläche für die Viehhaltung und die Futterproduktion verwendet werden.

Allein 1,4 Milliarden Rinder bevölkern heute die Erde. Sie grasen auf 25 % der gesamten Landmasse des Planeten, und die Getreidemenge, die sie zusätzlich verbrauchen, würde reichen, um einige hundert Millionen Menschen zu ernähren.

Für die Erzeugung von 1 kg Fleisch müssen – je nach Tierart – 7-11 kg Getreide und andere Pflanzen aufgewendet werden. Mehr als 1/3 der gesamten Getreideernte wird an die Rinder und anderes Vieh verfüttert. Da die Weltbevölkerung und auch ihr Verlangen nach Fleisch weiter zunimmt, ist eine noch größere weltweite Ernährungskrise vorprogrammiert.

64 % der Futtermittelimporte der EU stammen aus den Entwicklungsländern. Die EU holt rund eine halbe Mill. t Futtermittel allein aus Westafrika, um ihre Überschussrinder zu füttern. Für die Gewinnung einer einzigen tierlichen Kalorie werden rund zehn pflanzliche benötigt. Die Importe der Getreideberge und Sojabohnen, die Millionen von Rindern, Schweinen, Puten vorgeworfen werden, entziehen den armen Ländern eine Lebensgrundlage – das Vieh der Reichen frisst das Brot der Armen.

Außerdem werden den Ländern der 3. Welt wichtige Rohstoffe entzogen, indem man sie mit finanziellen Anreizen dazu verleitet, ihre Agrarflächen für die Produktion von Futtermitteln für die Viehwirtschaft der Industriestaaten statt für die Deckung des Nahrungsbedarfs der einheimischen Bevölkerung zu nutzen.

In den USA werden mehr als 70 % der Getreideernte als Viehfutter verwendet.

Angesichts der wachsenden Bevölkerung und der ebenso fortschreitenden Bodenerosion und Wüstenbildung kann der Fleischkonsum nur ein Verbrechen genannt werden. Ohne den exzessiven Verbrauch an tierischem Eiweis, könnte man mit den noch vorhandenen Flächen die mehrfache Zahl an Menschen ernähren, und zwar gesünder und umweltschonender und ohne die Tierschinderei. Umweltschutz, Menschenrechte und Tierschutz gehören zusammen.

Daher meinte die Organisation „Welthungerhilfe“ schon vor Jahren: „Auch die Menschen in den Industrieländern können ihren Beitrag leisten. Wenn sie weniger Fleisch essen, muss weniger Getreide verfüttert werden.“ („Welternährung“, 1/1996). „Damit die Weltgetreideernte in Zukunft für alle reichen kann, werden die reichen Nationen ihren Fleischkonsum reduzieren müssen. Futtermittel für Masthühner, Zuchtfische, Industrieschweine und Intensivhaltungsrinder sind ein (EU-subventionierter) Luxus, den sich nicht mehr als 15 % der Weltbevölkerung leisten können.“ („Welternährung“, 1/1997)

Daraus ergibt sich die Forderung nach einer Fleischsteuer, analog zur Branntwein- und Tabaksteuer! (www.fleischsteuer.ch)

*Der Autor ist Verfasser des Buches “Natur und Gesellschaft” (1984), Vor- sitzender des Politischen Arbeitskreises für Tierrechte in Europa (Pakt e.V.)

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Naturschutz auf allen Ebenen nötig

Wir gratulieren HGG-Mitglied Wilhelm Wißen aus Rees zum “Muna”-Förderpreis 2008, den die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) einmal im Jahr unter einer Vielzahl von Einsendern (letztes Jahr waren es ca 1.300) für einige besonders vorbildliche ehrenamtliche Naturschutzprojekte vergibt. Wißen hat den Bau einer Weißstorchen-Nisthfilfe bzw. für Schleiereulen und Steinkäuze, sowie die Anlage von zwei Naturteichen gefördert bekommen. Dr. Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zur Idee des Preises: “Die ‚muna‘ ist eine hervorragende Plattform, die Menschen stark zu machen, die aus freien Stücken der Natur helfen. Sie motiviert die Preisträger, in ihrem Bemühen um den Schutz einer intakten Natur nicht nachzulassen, und animiert andere, ihnen nachzueifern.” naturschutzWer vorbildlichen Naturschutzprojekten nacheifern will, für den bietet die DBU eine Broschüre an, auf die an dieser Stelle verwiesen werden soll. Denn “jeder noch so kleine Beitrag zum Erhalt der natürlichen Umwelt ist wichtig”, wie Herbert Gruhl 1992 betonte.

Die Handlungsmöglichkeiten eines jeden sind aber auch an die überpersönliche Ebene (die Makroebene) gebunden. So beträgt der Anteil der Flächen mit hohem Versiegelungsgrad in Rees weniger als ein Drittel desjenigen des Landes NRW. Das heißt, Naturschutz zu betreiben trifft in dem relativ dünn besiedelten Rees auf deutlich günstigere Voraussetzungen als im Landesdurchschnitt, wie eine Luftaufnahme der Landschaft, in der auch das besagte Projekt liegt, veranschaulicht.

luftaufnahme

Naturschutz erfordert also auf allen Ebenen gut durchdachte Maßnahmen, soll die lebendige Vielfalt für künftige Generatione erhalten bleiben. (V.K., 22.3.08)

Linktip zum Thema Landnutzung: (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,542985,00.html)

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umweltsoziologieNeuerscheinung:

Volker Kempf: Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie. Im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Realität. Graz: Ares Verl., 02/2008, 348 Seiten, 24,90 Euro (ISBN 978-3-902475-47-3)
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Die Arbeit “Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie” liefert eine Gesamtdarstellung der geistigen Entwicklung Herbert Gruhls von ihren biographischen Anfängen an über seinen Klassiker “Ein Planet wird geplündert” bis hin zu seinem Spätwerk “Himmelfahrt ins Nichts”. Herbert Gruhl erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur als Vordenker für umweltsoziologisch bedeutsame Fragen, sondern auch als ein Mann mit antitotalitärer Grundhaltung in einem totalitären Zeitalter.

“Kempf ist mit der Schilderung der Parteienlandschaft im Umbruch am Beispiel eines Politikers und konsequenten Querdenkers mit einer `stürmischen Ungelduld` – so Gruhl über sich selbst – gelungen, ein kritisches Zeitportrait zu zeichnen; jeweils gestützt auf zeitgeschichtliche und soziologische Untersuchungen, die in ernst zu nehmenden sozialwissenschaftlichen Kreisen unumstritten sind.” (Aus dem Nachwort von Dr. Ute Scheuch)

Der Autor, Volker Kempf, ist Vorsitzender der wissenschaftlich orientierten Herbert-Gruhl-Gesellschaft

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15 weitere Jahre Schreckensbilanzen

2008 jährt sich der Todestag von Herbert Gruhl (am 26. Juni) zum 15 Mal. Lebendig ist die Erinnerung daran, wie Herbert Gruhl in seiner nüchternen Art immer wieder darlegte, dass mit ein paar Sonnenkollektoren, Windkraftanlagen und etwas technischem Umweltschutz eine Wende zu einer zukunftsfähigen Zivilisation nicht zu schaffen sei. Das brachte Herbert Gruhl bei vielen Umweltaktivisten das Image des Spielverderbers ein. Schauen wir heute genauer hin, so nahm weltweit der Ausstoß an Treibhausgasen zu und auch Deutschland vermochte seinen Kohlendioxidausstoß in den letzten Jahren nicht mehr zu senken. Und der als Hoffnungsträger gehandelte “Bio”-Sprit hat sich längst als Seifenblase entpuppt. So stehen Schreckensmeldungen wie jene zur Jahreswende 2007/2008 aus Neu Guinea immer wieder auf der Tagesordnung: die Regierung hat gegen den massiven Widerstand der Bevölkerung den Regenwald-Kahlschlag auf der Woodlark-Insel genehmigt. Der malaysische Agrarsprit-Konzern Vitroplant Ltd. will über 70 Prozent der Inselwälder in Palmöl-Plantagen verwandeln. Umweltschützer rufen zum Protest auf (www.regenwald.org) und fordern von der deutschen Bundeskanzlerin, auf diesen Irrweg der Energiegewinnung nicht zu setzen.

Protestieren und fordern ist gut und wichtig. Aber so lange nicht nüchtern Bilanz über die Ursachen der weiter voranschreitenden Naturzerstörung gezogen und zur Grundlage des Handelns gemacht wird, können alle Maßnahmen zum Erhalt der Lebensgrundlagen und der biologischen Vielfalt nur begrenzt wirksam sein. Denn die weltweiten zivilisatorischen Ansprüche und das Wachstum der Weltbevölkerung müssen alle Umweltschutzbemühungen unterlaufen. Das ist die Kernbotschaft Herbert Gruhls, die im 15. Jahr nach seinem Tod nicht noch aktuell ist, sondern leider aktueller denn je. Die Karawane der Blinden zieht noch immer weiter und liefert damit den Stoff für eine leider noch immer notwendige Fortschreibung der Schreckensbilanzen unserer Politik.

(V. Kempf, 8.1.2008)

Weitere Infos: Biographische Skizze / Werkübersicht / Jahrbuch Naturkonservativ.