Mitteilungen 2004

Leseprobe aus Naturkonservativ heute 2005 zu:

Helmut Kohl: Erinnerungen. 1930-1982. Mnchen: Droemer, 2004, 684 Seiten, 28 Euro

Helmut Kohl erzählt in seinem Buch mit dem Titel Erinnerungen zunächst von seinen „Wurzeln und Prägungen“, die in die Jahre 1930 bis 1959 fallen. Kohl wuchs als Sohn eines Bauern auf und mußte von daher in Kriegszeiten nicht hungern. Daß die Gestapo seinen Schwager in spe wegen NS-feindlicher Aussagen verhaftete, bekam der jugendliche Kohl mit (vgl. S. 37), ebenso, daß der Bombenkrieg eine schreckliche Sache war. Derart gezeichnet brauchte Kohl von niemanden mehr den Wert des Friedens erklärt zu bekommen. Um so wichtiger war Kohl nach dem Zweiten Weltkrieg eine Aussöhnung mit Frankreich und eine friedliche Einigung Europas. Die Pfälzer, zu denen sich Kohl zählt, seien bei aller europäischen Orientierung aber deutsche Patrioten geblieben. Kohl bekam die Gründungsphase der CDU in Rheinland Pfalz als politisch besonders interessierter Jugendlicher mit. Er erfuhr den Geist politischer Neubesinnung nach der Katastrophe der NS-Barbarei. Der erste Vorsitzende der pfälzischen CDU habe ihm, Kohl, die katholische Soziallehre sowie Grundlagen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vermittelt. 1947 wurde Kohl Mitglied der Jungen Union.

Damit begann Helmut Kohls parteipolitische Laufbahn. 1959 mündete Kohls plitisches Streben nach einem Studium in Frankfurt und Heidelberg in die Zeit als „Landespolitiker in Rheinland Pfalz“, wie auch das zweite Kapitel überschrieben ist. 1966 übernahm Kohl die Führung der CDU in Rheinland-Pfalz. Damit übernahm Kohl auch ein Parteispendensystem, das über Geldwaschanlagen funktionierte. Über die Staatsbürgerliche Vereinigung, die Kohl selbst erwähnt (vgl. S. 338), flossen zwischen 1954 und 1984 bekanntlich 200 Millionen DM. Gelder wurden gestückelt und wohlfeil verteilt. Das „System Kohl“ entstand. Kohl schreibt dazu aber nur: „Diese gewohnte Praxis des Spendensammelns schien auch mir als Parteivorsitzendem nicht verdächtig.“ (S. 338) Er schreibt sich zugute, daß er Sonderkonten übernommen habe, die schon auf Konrad Adenauer zurückgehen würden und „schaffte sie ab“ (S. 338). Fakt ist: Kohl fiel die Illegalität der Geldwäscheanlagen als „Oppositionsführer in Bonn“ in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre auf und versuchte sie nachträglich zu legalisieren. Das zumindest ist hinlänglich bekannt. Auch Herbert Gruhl berichtet in seinen Erinnerungen Überleben ist alles (1987) über entsprechende Vorgänge, die er skandalös fand. Was aber schreibt Kohl dazu? Gruhl habe ihm, also Kohl, vom „ersten Tag an Schwierigkeiten“ (S. 493) gemacht. Denn Gruhl „polemisierte gegen Wirtschaftswachstum“ und „wetterte gegen die Neutronenbombe“, aber er „polemisierte“ auch gegen „Eigentum“ (S. 493). Gruhl, der alles andere als ein Sozialist war, soll sich vehement gegen „Eigentum“ ausgesprochen haben? Das ist doch sehr erklärungsbedürftig, bleibt aber so im Raume stehen. Die Antwort kann nur lauten: Gruhl monierte unrechtmäßiges Parteieigentum beziehungsweise den Versuch der nachträglichen Legalisierung und erklärte via TV 1978, unter anderem deshalb die CDU zu verlassen. Das wird Kohl nicht gefallen und auch nicht vergessen haben. Vielmehr wird hier in Form von Erinnerungen ein früher Kritiker an Kohls Parteispendenpraxis selbstgefällig abgestraft. An besagten Praktiken beteiligte Personennamen tauchen hingegen in Kohls angeblichen Erinnerungen nirgends auf, außer Walter Leisler Kiep. Das spricht dem Buchtitel Erinnerungen Hohn, war aber auch nicht anders zu erwarten. Denn sogar vor Gericht machte Kohl zuletzt immer wieder geltend, sich in Einzelfällen weder an die Spender noch deren Absichten erinnern zu können oder verweigerte die Aussage. Hier umgeht Kohl selbst längst bekannte Tatsachen.

Wenn Autobiographen im allgemeinen dazu neigen, dem eigenen Leben einen roten Faden einzuspinnen, dann gilt das auch für Kohl. Die ersten Prägungen, der Aufstieg in die Landes- und dann Bundespolitik. Der frühe Patriotismus, die Suche nach einer Aussöhnung mit Frankreich und nach einem geeinten Europa, das alles macht Kohls späteres politisches Wirken aus. Das „CDU-System Kohl“ wird dabei selbstgerecht ausgeblendet, so daß die eigene Person in einem günstigen Licht erscheint. Das geschieht auch noch dreist auf Kosten anderer. Damit schreibt Kohl fort, was ihm seine Kritiker schon länger vorwerfen, daß er folgsame Parteifreunde förderte und eigenständige Köpfe abstrafte, die aber zur intellektuellen Substanz einer Partei gehören. (Volker Kempf, 10.12.2004)

Naturkonservativ heute. Jahrbuch der Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. 2005, hrsg. von Andreas Gruhl und Volker Kempf, Essen: Verlag Die Blaue Eule, Januar 2005, 152 Seiten, ca. 19 Euro.

Aus dem Inhalt:

Herbert Gruhl: Der Mensch als Zerstörer seiner Welt (1978)

Prof. Erwin K. Scheuch: Eine neue Weltodnung? Die USA als Hegemon (Okt. 2003)

Ute Scheuch: Das politische System bedarf der Erneuerung von unten

Prof. Hans Christoph Binswanger: Dankesrede zur Verleihung des Adam-Smith-Preises für marktwirtschaftliche Umweltpolitik

Weitere Beiträge von: Franz Alt, Jean Fuchs, Edgar Guhde, Anselm Görres, Volker Kempf

(Vorbestellung beim Verlag Die Blaue Eule)

 

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22/27..09.2004

Wechsel im geschäftsführenden Vorstand der HGG

Auf ihrer ordentlichen Jahresversammlung am 19. September 2004 in Bad-Segeberg wählte die HGG einen neuen geschäftsführenden Vorstand:

Vorsitzender wurde der Soziologe Volker Kempf. Er hat seine Dissertation über Herbert Gruhl verfaßt. Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde Wolfram Bednarski gewählt, ein langjähriger Weggefährte H. Gruhls.

Kempf möchte die wissenschaftliche Aufarbeitung eines Stückes deutscher Politik- und Wissenschaftsgeschichte unterstützen helfen. Auch im Anschluß an Herbert Gruhl am Nerv der Zeit zusätzliche Schwerpunkte zu setzen gäbe es genügend Anknüpfungspunkte – derzeit lautet das Schwerpunktthema ausschließlich “Ökologie und Demographie”.

Des weiteren wurde der Vorstand um die Beisitzer Achim Ockenfeld, Udo Reinhart und den ehemaligen HGG-Vorsitzenden Heinz-Siegfried Strelow erweitert.

Gez. V. K./W. B.
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Presse-Information der Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. vom 16.10.2003

CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel erhält Herbert-Gruhl-Preis

Nürnberg. Die Herbert-Gruhl-Gesellschaft hat am Samstag ihren Stiftungspreis an den CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel verliehen. Damit werde das umweltpolitische Engagement des Ansbacher Bundestagsabgeordneten gewürdigt, erklärte Heinz-Siegfried Strelow, Vorsitzender der in Hannover ansässigen Gesellschaft anlässlich der Ehrung im Nürnberger Hotel „Petzengarten.“

Die Bewahrung der Natur sei ein zutiefst konservatives Anliegen, so der Vorsitzende der Gruhl-Gesellschaft in seiner Laudatio. Der bayrische Umweltpolitiker habe wiederholt, sei es in der Frage der Besteuerung von Flugbenzin, bei der Dosenpfandverordnung oder auch beim Tempo-limit eine mitunter konträre Haltung zur Unionslinie eingenommen, um seinen ökologischen Prinzipien treu zu bleiben. Für diese „umweltpolitische Ernsthaftigkeit und diesen Mannesmut vor Königsthronen“ zolle ihm die Herbert-Gruhl-Gesellschaft Respekt und Anerkennung, erklärte Strelow, der dem Ansbacher Bundestagsabgeordneten den Herbert-Gruhl-Preis – eine massiv goldene Brosche in Gestalt der Erdteile unseres Planeten – überreichte.

Josef Göppel zeigte sich über diese Ehrung sehr erfreut und bekannte, in den 1970er Jahren starke Einflüsse von Herbert Gruhls Schriften, namentlich dem Klassiker „Ein Planet wird geplündert“ empfangen zu haben. In seinen Dankesworten unterstrich er, dass eine solche Auszeichnung auch Ermutigung sei, für eine Politik der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft zu streiten, die ein Gegengewicht zu neoliberalen Auswüchsen der Globalisierung bilde. Zugleich zeigte Göppel sich optimistisch, dass in der CSU die Einsicht Platz greife, „das ökologisch-wertkonservative Potential im Lande, das ca. 10 Prozent der Wählerstimmen beträgt, nicht länger zu vernach-lässigen“.

Auf der Nürnberger Tagung nahm die Herbert-Gruhl-Gesellschaft überdies eine zweite Auszeichnung vor: Prof. Dr. Hans-Christoph Binswanger, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität St. Gallen, wurde der Ehrenvorsitz der Gesellschaft verliehen.

Die Herbert-Gruhl-Gesellschaft widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 1999 der wissenschaftlichen und publizistischen Erinnerung an den Politiker und Schriftsteller Herbert Gruhl (1921-1993), der in den 70er Jahren als Umweltexperte der Unionsparteien durch seine Buchveröffentlichung „Ein Planet wird geplündert“ (1975) bekannt und zu einem der Gründerväter der ökologischen Bewegung wurde. Gruhl beteiligte sich später an der Gründung der Grünen, zog sich jedoch bald von ihnen zurück, da er deren linksalternative Vorstellungen nicht mit seiner konservativen Grundhaltung vereinbaren konnte.

Gez.: H.-S. Strelow