Loske

Wahrheiten zumuten*

Laudatio zur Verleihung des Herbert-Gruhl-Preises an MdB Dr. Reinhard Loske am 23.9.2005 in Hannover

Von Volker Kempf

Sehr geehrter Herr Loske,

wenn Ihnen heute der Herbert-Gruhl-Preis verliehen wird, dann findet das im Rahmen der Tagung “30 Jahre Ein Planet wird geplündert“ statt. Ein besonders passender Rahmen, wie ich meine. Denn Sie haben selbst vor fünf Jahren in der Wochenzeitung Die Zeit einen Beitrag zu damals 25 Jahre Ein Planet wird geplündert vorgelegt. Herbert Gruhls Umweltklassiker, so erfahren wir da, sei “als eines der wichtigsten Gründungsdokumente der grünen Partei” zu lesen. Das trifft sicher zu, einmal wegen der geistigen Fundierung der ökologischen Frage, ein andermal auch wegen der führenden Rollen, die Gruhl im Prozeß der Institutionalisierung der Ökologiebewegung inne hatte.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Ein Planet wird geplündert gab es noch keine Umweltschutzpartei. Herbert Gruhl war seinerzeit CDU-Umweltexperte, wurde später aber einer der ersten Sprecher der Grünen und deren erster Bundestagsabgeordneter. Das Mandat brachte Herbert Gruhl von der Union mit.

Gruhl war vor allem aber ein Denker. Dieser Denker erkannte in seinem 1975 erschienenen Buch, wie Sie schreiben:

“intellektuell glasklar … Kapitalismus und Kommunismus” als “Unterformen des Materialismus”. “Beide setzten auf ewig währendes Wachstum und zerstörten so die Basis von Natur und Gesellschaft. Der Tanz um das goldene Kalb ’Konsum’ … führe letztlich zu Unfreiheit, Entfremdung und Niedergang. Und das exponentielle Bevölkerungswachstum tue ein übriges.”

Damit haben Sie, Herr Loske, Gruhls Umweltklassiker in Grundlinien in Erinnerung gerufen – versehen mit der Schlußfolgerung, daß es die Grünen gibt, weil es “eine friedliche Welt nur geben kann, wenn die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten bleiben …”

Daß die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen eine Voraussetzung für Frieden und Freiheit ist, ist nach dem Kalten Krieg noch deutlicher sichtbar geworden. Vom “Krieg um Öl”, vom “Krieg um Wasser” oder allgemein von “Ressourcenkonflikten” ist zunehmend die Rede. Um so mehr verweisen Sie darauf, daß wenn Die Grünen die Ökologie vergessen, sie sich selbst aufgeben. Das war zur Zeit intensiver Beratungen über ein neues Grundsatzprogramm.

Sie haben also auf den Anfang der Grünen verwiesen. Man könnte mit Aristoteles auch sagen, daß der Anfang immer mehr ist als die Hälfte des Ganzen, nämlich so etwas wie ein Keim, der Herrschaft über das ausübt, was aus ihm hervorgeht. Den Anfang gering zu achten, etwa in dem Glauben, daß der Fortschritt ihn doch hinter sich lasse, macht so gesehen keinen Sinn.

Der – politische – Neuanfang mußte gemacht werden. Es ging nicht so sehr um links oder rechts im politischen Spektrum, sondern um vorne, um Fragen der Zukunft. Darauf heben Sie in der FAZ vom 30.12.2002 selber ab, wenn Sie schreiben:

“Man muß wirklich daran erinnern, daß die Grünen einst mit dem Slogan gegründet wurden: ‘Nicht links, nicht rechts, sondern vorn!’ Die Grünen müssen sich und unserer Gesellschaft wieder mehr Wahrheit zumuten, auch unliebsame.”

Die Frage, ob sich Die Grünen genug Wahrheit zumuten, hat sich Herbert Gruhl 1980 auch gestellt, sprach von einem “alternativen Luftschloß” und trat aus. Die Grünen haben sich seither geändert, doch die Frage ist virulent geblieben. Deshalb schreiben Sie 2002 in der FAZ (unter dem Eindruck von Koalitionsverhandlungen mit der SPD), daß sich Ihre Partei kritische Fragen gefallen lassen muß: Sind die Grünen verbürgerlicht oder achten sie noch immer “bürgerliche Tugenden” zu gering? Sie geben als Antwort realistisch ein sowohl als auch vor und erwähnen als Beispiel, daß der Wert der Ehe nicht hoch genug veranschlagt wurde, als das Ehegattensplitting aufgegeben werden sollte. Es gibt also kritische Fragen nicht nur für Frank Schirrmacher von der FAZ oder Günter Beckstein von der CSU. Man könnte dazu noch einiges sagegen, aber Ihr Kernanliegen ist gerade als ehemaliger Fraktionssprecher für Umweltfragen das Thema Ökologie und Umwelt.

Es geht Ihnen um ein ökologisches Anliegen, das in den 1970er Jahren deutlich hervortrat und von Herbert Gruhl als “historische Notwendigkeit” begriffen wurde. Denn Zeitgeistmoden mögen sich ändern, die Ökologie als die Grundlage allen Lebens bleibt präsent, auch bei Ihnen, Herr Loske. Das wird aus einer Fülle Ihrer Veröffentlichungen deutlich; ich möchte aber noch bei Ihrem Zeit-Beitrag vom Dezember 2000 bleiben.

Die Stärke des von Ihnen grob skizzierten Buches “Ein Planet wird geplündert” ist der Blick für die Ursachen der Plünderung unseres Planeten. Heute herrscht hingegen die “Rhetorik von Innovation und Effizienz” vor, welche auch Sie selbst im “Repertoire” haben und für “irgendwie angesagt” halten, aber auch als etwas kurzatmig ausmachen. Sie schreiben daher in Ihrem Zeit-Beitrag:

“Man muß es immer wieder sagen: Manches wurde im Umweltschutz erreicht, vor allen in Sachen Luftreinhaltung, Wasserschutz und Abfallvermeidung. Darauf kann dieses Land stolz sein, besonders die Grünen. Aber mit der Bekämpfung der großen Umwelt- und Entwicklungsprobleme wurde noch nicht einmal richtig begonnen.”

Auf den Schwund der biologischen Vielfalt, die Klimaveränderung und anderes mehr läßt sich für Sie leicht verweisen, eben weil die Ursachen – zivilisatorische Ansprüche und Bevölkerungsentwicklung – weiter zu schaffen machen. Diese Ursachen sind nur schwer zu beeinflussen, möchten teilweise aber auch aus politischen Gründen nicht angetastet werden.

Von der Ökologiebewegung der 1970er/1980er Jahre wurde der Wert des Verzichts wiederentdeckt; an die Stelle des Wachstumsfetischismus sollte das rechte Maß treten, also die Mitte von „zu viel“ und „zu wenig“. Eine alte Weisheit ist das, die man schon in der Antike findet. Doch gerade dieses Denken war, wie Sie Ende 2003 in der FAZ schreiben, “nie aktueller als heute, wo es in vielen Bereichen um ein Zurückschrauben von Anspruchshaltungen geht.” Und weiter:

“Nur wenn der einzelne realistisch einschätzt, was er von der Solidargemeinschaft erwarten darf …, wird der Sozialstaat zu erhalten sein.”

Man wird hier leicht Unterstützung für die Agenda 2010 hineinlesen können, die einigen nicht weit genug geht, aber vor der sich noch mehr in den Status quo flüchten wollen. Es gilt Ihnen wörtlich

“gegen die Stimmungslage anzukämpfen, zukünftiges Wachstum mache Reformen in der Gegenwart überflüssig. Die Durchhalteparole (‘Wenn wir erst durch die Konjunkturkrise sind, wird alles wie früher’) ist der schlimmste Feind der Reformen.” Dagegen seien die “gesellschaftlichen Subsysteme … soweit wie möglich vom Wachstumszwang zu befreien”.

Hier nahmen Sie an Aufrufen von Vertretern Ihrer Parteiführung Anstoß, weil sie zum vorweihnachtlichen Konsum aufriefen und Durchhalteparolen ausgaben, mit dem nächsten Konjunkturhoch werde alles besser, als habe es einen Herbert Gruhl und einen Carl Amery nie gegeben. Ein sicher wichtiger Wink.

Ihnen, Herr Loske, ist die Umweltvorsorge nicht dem Ruf nach Wirtschaftwachstum zu opfern, wie das gegenwärtig unter der Parole “Arbeit hat Vorfahrt” geschieht. Was da geopfert werden soll, wird sogar als eine Anpassung an neue Realitäten genannt, monieren Sie am 15.1.2004 in einem weiteren Beitrag für Die Zeit. Denn in Wirklichkeit werde die Realität genau umgekehrt verkannt. Umweltpolitik an neuen “Realitäten” auszurichten müßte eine ganz andere Bedeutung haben, wenn man als Realität zur Kenntnis nehme, daß die “globalen Trends in Richtung Desaster” zeigen. Der Bevölkerungs- und Zivilisationsdruck, der auf die Ökosysteme wirkt, sorgt dafür, daß Wunschwelten nicht Wirklichkeit werden. Die Basis unseres Wirtschaftens schwindet dahin. Eine Ökonomie, die ihre Grundlage verzehrt, ist aber nicht zukunftsfähig.

Welche ökologische Erkenntnisse praktisch berücksichtigt werden, ist von politischen Umständen abhängig, die man sich nicht aussuchen kann. Der Flugverkehr ist ein gutes Beispiel dafür, daß wir weniger Erkenntnisprobleme haben, sondern vielmehr auf politische Beschränktheiten stoßen. Mit dem expandierenden Flugverkehr wird Energie verbraucht und das Klima geschädigt. Die politische Realität hingegen ist, daß die Flugzeugabgase in den internationalen Klimaschutzabkommen zur Reduktion von Treibhausgasen trotz jahrzehntelanger Umweltschutzdiskussionen ausgenommen bleiben. Nicht einmal eine Kerosinsteuer gibt es und auch keine Mehrwertsteuer auf Flugtickets im innereuropäischen Flugverkehr. Sie sagen daher in einer Pressemitteilung vom Dezember 2004:

“Die heutige steuerliche Ungleichbehandlung von Bahn- und Flugverkehr ist ein klimapolitischer Skandal und schwächt die Bahn im Wettbewerb mit Billigfliegern.”

Ein Skandal ist da, um für Korrekturen zu sorgen. Doch es ist bis heute nichts geschehen. Da ist guter Rat teuer. Doch Sie sind kreativ, um Ihr Umweltschutzanliegen zu verfolgen. Denn wenn schon im Augenblick keine Kerosinsteuer politisch durchsetzbar ist, muß wenigstens die vergleichsweise umweltfreundliche Bahn entlastet werden. Im Rahmen einer Ökosteuerreform könnte eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf Tickets erfolgen, was Sie im Januar 2005 im Deutschlandfunk vorgeschlagen haben. Ihre Regierungszeit ist mittlerweile etwas früher als gedacht abgelaufen, aber das Thema wird uns sicher erhalten bleiben.

Sie berufen sich auf die eigene Tradition Ihrer Partei und machen sich nicht die Misere Ihres langjährigen Koalitionspartners zu eigen, der aus seiner Tradition heraus die Probleme nicht wirklich anpacken kann. Denn, so schreiben Sie in der FAZ, das “im Kern sozialdemokratische Programm von Konsum, Wachstum und Vollerwerb ist unmodern” geworden, löst keine Probleme und zieht nicht mehr.

Sie, Herr Loske, erkennen den Wert der natürlichen Lebenswelt und streiten für ihn vorbildlich im politischen Raum. Sie werden sogar visionär, geben Richtungen für die Zukunft unseres Landes vor, wo andere von einer Richtungswahl nur gesprochen haben, weil sie sich in der Richtung doch ohnehin alle einig sind. Denn dieses Wachstumsdenken ist so eingefahren, daß jeder Wahlkampf, daß Politik überhaupt langweilig wird, gäbe es nicht andere Töne, wie Sie sie anschlagen, Herr Loske. Dafür möchten wir Ihnen danken, mit dem Herbert-Gruhl-Preis.

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*Anm.: Die Laudatio wurde frei gehalten und nachträglich rekonstruierend niedergeschrieben. Eine mit Fußnoten versehene Fassung findet sich im Jahrbuch “Naturkonservativ heute” (2006) der Herbert-Gruhl-Gesellschaft – zzgl. Dankesrede.

Zitierte Texte:

Aristoteles: Nikomachische Ethik.

Gruhl, Herbert: Das alternative Luftschloß (1980), in: Kempf, Volker (Hrsg.): Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden. Schlüsseltexte, Interviews und Reden (1976-1993), Frankfturt am Main u.a.: P. Lang, 10/2005, S. 160 ff.

Gruhl, Herbert: Grüne Zukunftspolitik als historische Notwendigkeit (1979), in: Kempf, Volker (Hrsg.): Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden. Schlüsseltexte, Interviews und Reden (1976 1993), Frankfurt am Main u. a.: P. Lang, 10/2005, S. 143 ff.

Loske, Reinhard: Zurück zur Natur. Wenn die Grünen die Ökologie vergessen, zerstören sie sich selbst, in: Die Zeit, 14.12.2000, S. 13.

Loske, Reinhard: Hoffen auf der Titanic: Reinhard Loske liest seinen Grünen und uns allen die Leviten, in: FAZ, 30.12.2002, S. 33.

Loske, Reinhard: Die Ökologie ist ein starker Innovationsmotor, unter: www.loske.de/cms/ files/dokbin/ 35/35014.zeitessay_150104.pdf (gekürzt erschienen unter dem Titel „Das Märchen von den staatsfixierten Umweltschützern“, in: Die Zeit, 15.1.2004).

Loske, Reinhard: Reform der Ökosteuer noch vor der Bundestagswahl möglich. Interview im Deutschlandradio vom 13.1.2005, unter: www.dradio.de/dlr/sendungen/interview_dlr/ 339161/

Pressemitteilung Nr. 885 der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen vom 1.12.2004, unter: www.gruene-fraktion.de/cms/presse/dok/50/50549-print.htm