“Kettenreaktion von Hilfe ohne Ende”

In Zeiten des großen Lärms um den Euro, Rettungsschirme, Stabilisierungsfonds und Verschuldung ist es hin und wieder sinnvoll sich vom großen Lärm der Welt zurückzuziehen und ältere Artikel wie z. B. von Herbert Gruhl zu studieren.

Erstaunliches und Hintergründiges ist dabei zu erfahren, das im Medienrummel der heutigen Zeit vollständig untergeht. Sehr lesenswert ist ein Spiegel-Essay von Herbert Gruhl aus dem Jahre 1983: Der Verrat an Ludwig Erhardt. (Wiederabdruck in: Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden. Schlüsseltexte, Interveiws und Reden. P. Lang, 2005) Nun haben sich die Unionsparteien ihren großen Begründer der sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhardt, auf die Fahnen geschrieben. In Wirklichkeit haben sie laut Gruhl seine Ideen verraten. Und die Argumentation von Gruhl ist überzeugend und stichhaltig. Erhardt schwebte eine soziale Marktwirtschaft vor, aber keine Wachstumswirtschaft per se. Seine Appelle zum Maßhalten verhallten ungehört. Ja Erhardt ging sogar so weit zu behaupten, dass die reine Fixierung auf Wachsumsraten des realen Wachstums der Wirtschaft keine Maß für Glück und Wohlstand einer Gesellschafft seien. Stattdessen schrieb die deutsche Bundesregierung im Gefolge der Wirtschaftskrise 1967 ein „Wachstumsgesetz“ fest, das von allen Parteien getragen wurde!

Von nun an war klar geregelt, was ab den siebziger Jahren zu geschehen hatte: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Gruhl kritisiert in diesem Zusammenhang sowohl eine keynesianisch geprägte Wachstumsstrategie durch staatliche Nachfragepolitik wie diese in den siebziger Jahren unter Schiller/Schmidt fortgesetzt wurde als auch den Paradigmenwechsel hin zum Neoliberalismus unter Thatcher/Reagan ohne diesen Paradigmenwechsel klar zu benennen. Wahrscheinlich traf Gruhl hier keine Unterscheidung, weil beide Politiken das gleiche Ziel verfolgten, nämlich Wachstum. Ein Zitat aus diesem Essay ist im heutigen Licht besonders interessant: „Bund und Ländern wird heute nicht nur die Verantwortung für einzelne Branchen, sondern sogar für einzelne Firmen aufgehalst. wir sind jetzt Zeugen einer Kettenreaktion von Hilfen ohne Ende…“ Das „Erfolgskonzept“ des Neoliberalismus nahm 2007/08 mit der Finanzkrise ein jähes Ende. Das Wort von Herbert Gruhl von „einer Kettenreaktion von Hilfen ohne Ende“ hat nach mehr als 30 Jahren einen merkwürdig aktuellen Klang.

Allein die Maßnahmen zur Rettung des Euro wirken bedrohlich. Der Unterschied ist nur, dass es sich hierbei ja nur um eine Währung, einem profanen Zahlungsmittel handelt und nicht einmal um irgendwelche Wirtschaftseinheiten, die gerettet werden sollen! Die Haftung von Bund und Ländern soll nunmehr durch den Euro auf die ganze EU übertragen werden. Den Irrweg, den Herbert Gruhl beschrieben hatte, wurde praktisch ohne irgendwelche Gegenbewegungen fortgesetzt und exponentiell weitergetrieben. Nun könnte man meinen, dass auf dem Höhepunkt der Fehlentwicklungen ein grundlegender Wandel einsetzen würde. Dies ist aber nicht der Fall. Die heute „aufstrebenden Länder“ hecheln ja nur danach die gleichen Fehler zu wiederholen, die in den entwickelten Ländern bereits vollzogen worden sind. Es ist eine befremdliche Welt in der wir heute leben.

 

(S. Voss, 16.3.2014)

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