Joachim Gauck hebt die Debattenkultur

Joachim Gauck hebt die DebattenkulturBundespräsidenten, die im Politikbetrieb geräuschlos mitlaufen, ließen immer wieder die Frage nach dem Sinn des Bundespräsidentenamtes aufkommen. Ein Bundespräsident muss sich schließlich einer abgehobenen und selbstbezogenen politischen Klasse gegenüber souverän zeigen und Stimmungen im Volk aufgreifen. Genau das verspricht Joachim Gauck.

Deshalb war er für Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Unionsparteien 2010 die unbequemere Alternative zu Christian Wulff. Für Jürgen Trittin und die Grünen war Gauck 2010 als Präsidentschafts-Kandidat vor allem ein Schachzug, um einen Keil in das schwarz-gelbe Lager hineinzutreiben. Daß Gauck zwischenzeitlich die Souveränität besaß, Thilo Sarrazin beizuspringen, er habe mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die Sprache der politischen Korrektheit aufgebrochen, spricht für sein Rückgrat, der Sache wegen auch einmal anzuecken.

Einigen ist Gauck allerdings so unbequem, daß sie ihm schon lange Pech und Schwefel wünschen. In Erinnerung ist noch der 1998 vom Duisburger Hochschulprofessor Jochen Zimmer herausgegebene Band „Das [Anti-]Gauck-Lesebuch“. Darin wurde von Politikern der umbenannten SED und ihrem Umfeld die Totalitarismustheorie zum Teufel gewünscht, was schon nicht für ein weit gefasstes Verständnis von wissenschaftlicher Freiheit sprach. Vor allem aber die Erklärung des Herausgebers, gegen Gauck und die von ihm damals geleitete Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen „anstinken“ (S. 11) zu wollen, war die Sprache des Mob. Davon hat sich Gauck noch nie ins Bockshorn jagen lassen.

Es bleibt Gauck für seine Kandidatur und dann die Ausübung des Bundespräsidentenamtes uneingeschränkt Erfolg zu wünschen. Die Debattenkultur im Lande kann dadurch nur gewinnen. Der heimliche Bundespräsident, nämlich der der Herzen der Bürger, war Gauck ohnehin schon.

(V. Kempf, Vors. der HGG, 20.02.2012)

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