Günther Anders, Denker der atomaren Drohung

Auf dem Schreibtisch des US-Präsidenten Donald Trump befindet sich ein roter Knopf, den er Journalisten mit der Bemerkung zeigte „alle werden nervös“, wenn er zu nahe an ihn komme. Dies ließ die Befürchtung aufkommen, er könne damit womöglich Atomraketen starten. Aber Trump bestellt damit nur Getränke. Ob das der Philosoph der Anti-Atomtod-Bewegung, Günther Anders, lustig fände, der einmal meinte, alles sei lustig, wenn es nicht katastrophal ist, ist schwer zu beantworten. Die Möglichkeit einer atomaren Totalkatastrophe war das Kernthema des am 17. Dezember vor 25 Jahren in Wien verstorbenen Schriftstellers.

Anders, 1902 als Sohn des jüdischen Kinderpsychologen William Stern geboren, hatte eine akademische Laufbahn anvisiert, hörte in Marburg und Freiburg bei Martin Heidegger, promovierte bei Edmund Husserl und scheiterte 1931 mit einer Habilitation an Theodor W. Adorno mit einer musikphilosophischen Arbeit – die erst 2017 postum publiziert wurde. Nach dem der Nationalsozialismus 1933 an die Macht kam, emigrierte Anders in die USA, kehrte nach dem Krieg aber nach Europa zurück.

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki bezeichnete Anders als „monströs“. Dass der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation objektiv mehr herstellt und anstellt als er sich subjektiv vorstellen kann, lautete die Folgerung von philosophisch-anthropologischer Tragweite. Verdichtet wird diese Aussage zur „Antiquiertheit des Menschen“, wie Anders´ Hauptwerk von 1956/1980 heißt. Der Mensch ist seiner eigenen Technik nicht gewachsen, er wird museumsreif und droht sich selbst auszulöschen. Konrad Lorenz brachte das später ganz ähnlich auf die Formel, der Mensch habe im Herzen den Aggressionstrieb, in der Hand die Atombombe.

Im Unterschied zu Lorenz konnte Anders noch die Nachwendezeit in Augenschein nehmen, in der die unvorstellbare atomare Drohung durch modernste Waffen fortbesteht. Die neue politische Lage nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erklärte Anders in seinem letzten großen Interview mit Konrad Paul Liessmann vom Herbst 1990 so, dass diese durch den Aufstieg des Islam unübersichtlicher werde. Nuklearwaffen bleiben bestehen und kommen hinzu, weitere Staaten wie der Iran oder das kommunistische Nordkorea sind bemüht, sich zur Atommacht aufzuspielen. Vom Risiko durch Terroranschläge auf Atomkraftwerke ganz zu schweigen, das Militärs als eines ihrer bestgehüteten Geheimnisse pflegen.

Etwas befremdend wirkt in dem besagten Interview, dass Anders meinte, eine 1989 erfolgte Verständigung der Großmächte beruhe auf einem „wirtschaftlichen Zusammenbruch beider“. Es war doch der sozialistische Ostblock, der wirtschaftlich scheiterte, nicht der marktwirtschaftliche Westen. Der 88jährige Anders ging offenbar davon aus, es seien beide Systeme auf ökonomischer Augenhöhe gewesen. Die Auffassung, dass der Westen „ebenfalls“ wirtschaftlich scheitern werde oder kurz davor war, ist im Neomarxismus geläufig. Ökonomisches Denken schloß Anders bei seinen Betrachtungen ein und stützte sich auf Karl Marx. Vor diesem Hintergrund stellte Anders auch seine Überlegungen zum Militär an: „Es ist völlig unmöglich für die Amerikaner, nachdem sie um den halben Globus gefahren sind mit ungeheuren Mengen von Zerstörungswaffen, daß sie dann unverrichteter Dinge wieder zurückfahren.“ Ähnlich erklärte Anders auch den Atombombenabwurf auf Nagasaki ökonomisch. Anders sah sich selbst als jemand, der Marx „fortgeführt“ habe.

Immerhin, die Hoffnung Blochs auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz hatte Anders für weltfremd gehalten. Da war Anders dem Antitotalitarismus seiner ersten Ehefrau Hannah Arendt dann doch näher.

Anders gehörte zu jenen Remigranten, deren Vertrauen in Deutschland nach dem Krieg erschüttert blieb. Nicht zufällig lebte der aus Breslau stammende Anders nach dem Krieg in Österreich, nicht in Deutschland. Die Wiedervereinigung Deutschlands betrachtete Anders mit Sorge und Skepsis. Bei Anders finden sich hierzu biographisch gefärbte Aussagen, aber seine psychologische Bildung ließ ihn auch zu Einsichten kommen, die bemerkenswert sind. Das in Schutt und Asche gebombte Deutschland bedachte Anders in „Die Schrift an der Wand“ mit den Sätzen, dass einzelne Ruinen zu bewahren begrüßenswert sei, etwa die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, um nicht zu vergessen. Ansonsten müßten die Deutschen auch vergessen, sie hätten das „Recht …, das Verwüstete fortzuräumen. Und auf Denkmäler zu verzichten“. Anders differenzierte zwischen Gedenken an Originalen und nachträglich errichteten Mahnmalen. Bei einem Original denkt der Betrachter dem materialisierten Geist aus der Vergangenheit zu; bei einem künstlichen Gebilde über eine bestimmte Vergangenheit handelt es sich hingegen um den materialisierten Geist des betreffenden Künstlers, nicht um ein Zeugnis der betreffenden Zeit selbst. Hieraus spricht noch die Phänomenologie der Ruine des Philosophen Georg Simmel, welche Anders aktualisierte.

Wie vielen Intellektuellen erschien Anders US-Präsident Ronald Reagan ungebildet. Die besseren Nerven aber hatte Ronald Reagan, mit der er eine Politik des atomaren Kräftegleichgewichts gegenüber dem Sowjetkommunismus herbeiführte. Reagans nervenstarke Politik hatte die Menschheit vor der atomaren Apokalypse bewahrt, vor der Anders so eindringlich wie kein anderer Philosoph warnte. So schnell geht der antiquierte Mensch dann doch nicht per Knopfdruck unter. Die Weltlage bleibt gleichwohl voller Spannungen und hochexplosiv.

(Volker Kempf, leicht verändert erstveröffentlicht in Junge Freiheit vom 14. Dezember 2017)

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