Grünes Theater

Das Theater Freiburg hatte sich der Geschichte der Grünen angenommen. Die Inszenierung hieß: „Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte“. Die Kritik eilte dem Theaterstück voraus. Denn nach der Theateraufführung sollte in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung auch noch jeweils eine Diskussion mit einem Grünenpolitiker stattfinden. Die Interpretationshoheit auch noch den Grünen in die Hände legen, ging der CDU Freiburg etwas weit und kritisierte dies. Die letzte Vorführung des Stückes war am 13. Juli 2011 – diesmal mit einer über Petra Kelly arbeitenden Wissenschaftlerin im Mittelpunkt der anschließenden Diskussionsrunde.

Die Grünen nur mit Originalzitaten in Szene zu setzen, das hieß erst einmal, die Wirklichkeit dieser Partei muß selbst schon einer Theaterinszenierung gleichen. Dem Konzept nach spannten Jarg Pataki und Viola Hasselberg einen weiten Bogen, von den Europawahlgrünen 1979 bis zur Gegenwart. Da mußte die Auswahl von Zitaten sehr gerafft sein. Ein längeres Zitat des Club of Rome-Berichts Die Grenzen des Wachstums gab den Startschuß. Ein Hungerstreikender vermittelte die Ausgangslage unter der Regierung Schmidt. Daß der erste Bundestagsabgeordnete der Grünen Herbert Gruhl war und im Bundestag mit seinen Umweltthemen wenig ernst genommen wurde, wäre ganz passend gewesen darzustellen. Auch das anfängliche Zögern der K[ommunismus]-Gruppen, auf den “grünen” Zug aufzuspringen, kam nicht richtig rüber. Die Geschichte der Grünen anno 1979 wurde nur recht kurz gestreift, als Hintergrund für ein längeres Monolog von Martin Weigel in der Rolle von Claudia Roth über die Grünen einst und heute. Angesichts dessen, daß die Grünen der jüngsten Zeit ohnehin im zweiten Teil der Darbietung breit dargestellt wurden, war das schade um die wertvolle Zeit. Denn gerade über diese Anfangsphase der Partei ist im kollektiven Gedächtnis am wenigste hängen geblieben.

Daß sich die Grünen in Parolen und Enthusiasmus verloren und als chaotischer Haufen von der politischen Bildfläche zu verschwinden drohten, war nicht zu übersehen. Rockmusik und herumfliegende Unterlagen, interne Streitereien, das kam alles auf die Bühne. Die Grünen institutionalisierten sich, Angepaßtheit wurde zur neuen Normalität, Regierungsverantwortung ausgeübt. Darüber wurde aber auch inhaltlich Verrat an der „grünen“ Idee betrieben, wobei Stimmen vom abtrünnigen linken Flügel ebenso zu Wort kamen wie das Austrittsschreiben von Herbert Gruhl vom Januar 1981:

„Die roten und bunten Gruppen glauben jetzt endgültig, die Macht in der Partei in der Hand zu haben und mir wird der Austritt nahegelegt. Dagegen ist bis jetzt noch kein einziges Mitglied der kommunistischen Z-Fraktion zum Austritt aufgefordert worden. Was sich die Bundesgremien der Partei in den letzten Monaten erlaubt haben, ist eine skrupellose Täuschung der Mitglieder, die man immer wieder mit falschen Versprechungen, z.B. mit der Betonung der Meinungsvielfalt in der Partei zu halten versuchte, während man in Wirklichkeit die Partei, die sich fälschlich ‚grün’ nennt, ins linke Abseits gesteuert hat. Mit freundlichen Grüßen, Herbert Gruhl“

Was ist aus den Grünen geworden? Ein Hort der Meinungsfreiheit oder eher der Dauerempörung? Wer Claudia Roth zwei Minuten reden hört, weiß die Antwort. „Rote“ Themen mit grüner Ummantelung? Multikulturalismus, Gleichheitswahn im Bildungssystem, Radikalfeminismus und Adoptionsrecht für Homosexuellenpaare sind sicher keine „grüne“ Selbstverständlichkeiten, sondern anderen Ursprungs. Daß die Grünen eine “Antiparteienpartei” waren, sie aber im System völlig aufgingen, bot in der anschließenden Diskussion schon einmal Anlaß zur Kritik, weil die Parteien inklusive der Grünen sich den Staat immer mehr zur Beute machten und Konkurrenz nicht mit Chancengleichheit im Wettbewerb rechnen darf. Eine Fortsetzung soll 2012 folgen. Erfolgsgeschichte oder Verrat? Alles ist relativ.

(V. Kempf, 14.7.2011; durchges. u. korrig. am 16.7.2011)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.