Götzendämmerung des materialistischen Zeitalters

Auszug einer Ende der 1970er Jahre häufig gehaltenen Rede: Seite 1 von 8.

Götzendämmerung des materialistischen Zeitalters

Von Herbert Gruhl

Es hat noch zu keiner Zeit der Menschheitsgeschichte eine Zeit gegeben, die das Materielle so zum obersten Wert erhob, wie das die heutige Welt tut. Aber nicht nur das! Das gesamte derzeitige Bestreben der Menschheit besteht darin, den materiellen Besitzstand, die Verfügbarkeit von Gütern, ständig weiter zu erhöhen. Jedenfalls ist dies das Ziel der herrschenden Mächte in West und Ost, und es wird – ob mit oder ohne Wahl – von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen. Die materielle Erfolgsbilanz ist diejenige, die gilt, ob nun von der Erfüllung des Fünfjahresplanes oder von der Steigerung des Bruttosozialproduktes die Rede ist; sie wird von kommunistischen Parteien genauso verkündet wie von denen, die sich christlich nennen.

Die Erfolge sind in der Tat so phantastisch, daß sich damit die Bedrohung geradewegs aus diesen Erfolgen ergibt – nicht etwa aus den Mißerfolgen. Und dies ist das große Ärgernis: Wir müssen heute den Erfolg kritisieren und als Weg in die größte Katastrophe entlarven, die das Menschengeschlecht je erlebt hat; denn es wird eine Katastrophe rund um den Planeten sein. Sie wird mehr Menschenleben vernichten als in früheren Jahrhunderten je gleichzeitig auf dieser Erde gelebt haben. Dabei meine ich noch nicht einmal den Atomkrieg, sondern allein die „friedliche“ Weiterentwicklung unseres „Fortschritts“.

Ich habe diese totale Ausplünderung der Erde beschrieben und die naturgesetzlichen Konsequenzen berechnet. Diese ergeben sich

1. aus der exponentiell wachsenden Zahl der Menschen auf nicht zunehmender Fläche für ihre Ernährung und als ihr Lebensraum,
2. aus dem exponentiell steigenden Verbrauch einmaliger Bodenschätze bis zu ihrer Erschöpfung,
3. aus der damit verbundenen Zerstörung der natürlichen Umwelt in Quantität und Qualität und damit Entzug der eigenen Lebensbasis.
Diese Punkte würden genügen, das Ende des Materialismus herbeizuführen – und zwar automatisch, aufgrund der ihnen innewohnenden eigenen Gesetzmäßigkeit. Es sind die Überlebensprobleme, die bis vor wenigen Jahren völlig ignoriert wurden und die heute noch von fast allen Verantwortlichen geleugnet werden.
Darauf werde ich hier nicht näher eingehen, sondern die Frage aufwerfen, ob denn der viel bejubelte Fortschritt überhaupt noch ein Gewinn für den Menschen ist und sein kann. Damit greife ich eine Voraussetzung unserer Zivilisation an, die noch bis vor wenigen Jahren absolut tabu war, und es bei der großen Mehrheit heute noch ist: die Technik mit allen ihren Auswirkungen. Die besorgten Äußerungen über die Auswirkungen der Technik sind zwar schon so alt wie die Technik selbst, sie wurden aber verdrängt und durch die immer schnellere Entwicklung …

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Naturkonservativ heute. Jahrbuch 2003, 172 Seiten, 22 Euro