Franz Vonessen (1923-2011)

Die griechische Mythologie war eines der Kernthemen von Prof. Dr. Franz Vonessen. Bemerkenswert ist, daß er die Fruchtbarkeit von Mythen für die heutige Zeit deutlich machte. So interessierte sich Vonessen nicht nur für Platon in geistesgeschichtlicher Hinsicht, sondern es ging ihm weitergehend um „Platons Ideenlehre“ als einer „Wiederentdeckung eines verlorenen Wegs“ (2001). Es ist dies ein Weg, der nicht nur über der Politik liegt, sondern auch über den Wissenschaften, die vor lauter Details den Blick auf das Ganze verloren haben. Vonessen stand damit in großer Distanziertheit gegenüber den vorherrschenden Denkgewohnheiten. Auch beim Thema Umweltpolitik ist das nicht zu übersehen, da ihm dieses gemeinhin viel zu substanzlos diskutiert wurde, wie er in einem seiner zwischen 1986 und 1988 gehaltenen Vorträge deutlich machte.

Ein Querdenker wie der Wirtschaftswachstums-Kritiker Herbert Gruhl war dagegen für Vonessen interessant, so daß er sich in „Die Herrschaft des Leviathans“ (1991) mit ihm auseinandersetzte. Gezügelt werden müßte das anorganische „Wachstum“, welches einem „unbändigen Roß“ gleiche. Wer sollte der Zügler sein, wenn nicht der Leviathan, den Hobbes einst mit dem Monarchen als oberstem Machthaber identifizierte? Es müßte dies doch wohl der Staat sein, sollte man meinen. Doch, so Vonessen: „Inzwischen gehört die Macht aber längst nicht mehr wirklich dem Staat. H. Gruhl hat glaubhaft gemacht, daß Politiker nur ganz wenig Spielraum besitzen. Sie sind es nicht, die regieren; zwar dürfen sie sich mit dem Anschein von Macht auch weiterhin schmücken, aber zu sagen haben sie nichts. (…) Sie folgen den ‚Zwängen’ der Sache, einer Sache, die angeblich tot ist, aber doch zwingt und außerdem sogar beständiges Wachstum verlangt.“

Franz Vonessen schrieb 2005 für die gesammelten „Schlüsseltexte, Interviews und Reden“ von Herbert Gruhl die Einführung und machte dabei deutlich, was alles wächst, nur nicht das, was zu wachsen wünschenswert wäre. Das verstand Vonessen auch in einer ungewöhnlich klaren Sprache zum Ausdruck zu bringen. Wenn heute unbequeme Autoren wie Hans Herbert von Arnim von einer um sich greifenden “geistigen Korruption” sprechen, so hatte das Vonessen schon lange vorweggenommen und sprach seinerseits unter Rückgriff auf Nietzsche von der “verschlingenden Kraft der Lüge”. Ihr lagen die “unteren Kräfte des Menschen, seine tierische Natur … und alles, was nicht der Wahrheit dienen will” zu Grunde. Die Wahrheit kostet nicht nur nichts, sondern ist auch unbequem. Es gab Zeiten, da wurden Wahrheitssucher, die diesen Namen verdienen, verfolgt, heute werden sie am liebsten übergangen. Albert Wieland nannte das einmal die “Kultur des Weghörens”. Diese ist es, die für Vonessen wuchs. Um so wichtiger ist es genauer hinzuhören.

Es starb am 19. Januar 2011 mit Franz Vonessen ein Philosoph, auf den zurückzublicken einen nur in dankbares Staunen versetzen kann. (V. Kempf, 21.2.2011)