Fathmann

Volker Kempf

Die Grenzen des Wachstums und die Grenzen der Politik

Eine Laudatio zur Verleihung des Herbert-Gruhl-Preises an Prof. Dr. Friedhelm Farthmann, Staatsminister a. D.

Erstmals Verleihung des Herbert-Gruhl-Preises

Fathmann H. Hruhl PreisDer Herbert-Gruhl-Preis wird heute [19.10.2001] das erste Mal vergeben: An Prof. Dr. Friedhelm Farthmann. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit, die ökologische Erkenntnisse mit politischem Engagement in herausragender Weise miteinander zu verbinden weiß.

Der Begriff Ökologie

Der Begriff Ökologie geht bekanntlich auf den Biologen Ernst Heckel zurück und bezeichnet die Lehre von den wechselseitigen Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt. Es ist eine Wissenschaft von den Existenzbedingungen von Lebewesen, zu denen auch der Mensch gehört. Der Begriff Ökologie wurde in der modernen Umweltdebatte zu einem über die Biologie hinausreichenden, übergeordneten Begriff für alle Denkbemühungen, die dem Komplex Mensch und Natur, vor allem in der Industriegesellschaft, nachgehen. Dies war das Terrain Herbert Gruhls. Es ist auch das Terrain Friedhelm Farthmanns.

Farthmann als Ökologe nicht bekannt

Vielen mag das entgangen sein, weil sich der Rechts- und Staatswissenschaftler vor allem als Fraktionsvorsitzender und Minister für Arbeit und Soziales in Nordrhein-Westfalen einen Namen gemacht hat, nicht aber als umweltpolitischer Sprecher seiner Landtagsfraktion wahrgenomme wurde. Spätestens aber mit seinem 1996 erschienenen Buch Blick voraus im Zorn sticht ins Auge, daß der SPD-Politiker und heutige Preisträger nicht nur Arbeit und Ökonomie, sondern gerade die der Ökonomie übergeordnete Ökologie im Visier hat – genauer: die Grenzen des Wachstums. Den Medien ist das leider gänzlich entgangen. Nach Veröffentlichung seines besagten Buches, griffen sich Pressevertreter ein paar Passagen über Johannes Rau heraus und verschwanden wieder. Medienvertreter scheinen die Welt nur ökonomisch zu sehen, nämlich mit dem Blickwinkel, wie sich aus der Welt gut zu verkaufende Nachrichten machen lassen. Die Sache selbst gerät dabei völlig aus dem Blickfeld. Um so wichtiger ist es, die von Prof. Farthmann angestellten unbequemen ökologischen Erkenntnisse, die er mutig in den politischen und damit öffentlichen Raum gestellt hat, genauer anzuschauen und zu würdigen.

Farthmanns ökologische Erkenntnis

Seine grundsätzliche ökologische Erkenntnis formuliert Farthmann in Blick voraus im Zornwie folgt: „Trotz der eindrucksvollen Erfolgsbilanz der wirtschaftlichen Entwicklung seit dem Beginn des technischen Zeitalters rücken seit rund 25 Jahren die damit zusammenhängenden ökologischen Risiken und Belastungen immer stärker ins allgemeine Bewußtsein. Theoretisch hätte uns allen schon von Anfang an klar sein müssen, daß jedes System, das auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist, irgendwann kollabieren muß, weil alle Ressourcen in unserer realen Welt endlich sind. Auf einem begrenzten Raum ist ein unbegrenztes Wachstum nicht möglich. Das bedeutet, wie es der … Bericht des ‚Club of Rome’ im Jahre 1973 ausgedrückt hat, daß unser Produktionswachstum letzten Endes ein ‚Wachstum zum Tode’ ist.“ Diese Erkenntnis ist an sich nicht neu. Doch wie reagiert die Politik in der Praxis, also nicht nur in Sonntagsreden, hierauf? Farthmanns ernüchternde Antwort: „Aus dieser Erkenntnis sind bisher in der Politik keine praktischen Konsequenzen gezogen worden – weder in Deutschland noch in anderen Industriestaaten.“ Ökologische Defizite der Volksparteien So muß auch Farthmanns Partei, die SPD, ihre Programmatik gegenüber allem Bisherigen vollständig und gründlich ändern und sich der Notwendigkeit der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen stellen. Die Sozialdemokratie hat mit der Durchsetzung des Sozialstaates ihre Pflicht getan und muß sich nun neuen Pflichten stellen, will sie nicht heute schon von gestern sein, lautet sinngemäß Farthmanns Folgerung. Der Untertitel des besagten Buches von Prof. Farthmann lautet dann auch Aufbruch zu einem radikalen Neubeginn der SPD. Entsprechendes muß für andere Traditionsparteien wie der CDU gelten. Denn Ökologie steht weder Links noch Rechts, sondern vorn, wie Herbert Gruhl zu sagen pflegte. Daß Farthmann in diesem Sinne aber einen Blick voraus wohlgemerkt im Zorn anstellt, läßt erahnen, daß er selbst die Chancen einer Erneuerung für gering hält. Auch Gruhl blickte auf die CDU gewissermaßen zurück im Zorn.

Ökologische Erneuerung der Volksparteien

Wie sieht also eine von der Sache her dringend notwendige, aber offenbar schwer umsetzbare Erneuerung einer Volkspartei aus? Zunächst wird die Dringlichkeit immer größer. Denn je knapper die Ressourcen und Lebensgrundlagen werden, desto wahrscheinlicher werden kriegerische Auseinandersetzungen, mögen sie auch religiös begründet daherkommen. Eine Erneuerung einer Partei unter dem Paradigma der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen bedeutet also eine Verzichtsethik. Denn je höher der Konsum pro Kopf ist, desto größer fällt die verursachte Ausplünderung der Erde aus. Und je mehr jemand verdient, desto mehr gibt er aus, desto mehr vernutzt er diese Welt. Um es mit Farthmann selbst zu sagen: „Jeder Tausendmarkschein, der den Bürgern zusätzlich zur Verfügung steht und in den Konsum wandert, führt zu einer zusätzlichen Belastung unserer Umwelt, unabhängig davon, ob sich der Verbraucher ein zweites oder drittes Auto zulegt, ob er sich ein zweites Heim im Grünen leistet oder ob er nach Mallorca fliegt. In jedem Fall ist eine Umweltbelastung damit verbunden, die Unterschiede in den ökologischen Auswirkungen der verschiedenen Konsumformen sind lediglich gradueller Natur. Selbst wenn Bürger, was er allerdings nur in engen Grenzen tut und tun kann, Bildungsangebote oder kulturelle Leistungen davon bezahlt, erhöht sich durch die zusätzliche Einnahmen bei den Bildungsanbietern und Kulturschaffenden deren Spielräume für intensive und konsumtive Ausgaben, die wiederum die Umwelt belasten.“ Widersprüche und falsche Hoffnungen „grüner“ Politik Aus dieser Überlegung heraus kritisiert Farthmann Widersprüche auch „grüner“ Politik und mäßigt übertriebene Hoffnungen. Wer die materiellen Ansprüche zu heben verspricht und gleichzeitig mehr Natur bewahren will, verspricht unvereinbares zu vereinbaren. Wer Widerstand gegen die Nutzung der Kohle formuliert, senkt den Energiebedarf um kein einziges Kilowatt, schreibt Farthmann an einer Stelle. An anderer Stelle kritisiert er die „grüne“ Einwanderungspolitik, weil die Verhinderung weiterer Umweltbelastungen mit dem Streben nach Einwanderung von Menschen in großer Zahl im Widerspruch steht. So müßte sich eine Partei entweder für grüne Politik oder aber für Einwanderungspolitik einsetzen, aber nicht beides gleichzeitig. Mehr Menschen bedeuten nun einmal mehr Zersiedelung, Verkehr, Abfall etc. „Wer diesen Zusammenhang nicht wahrhaben will“, schreibt Farthmann, „verabschiedet sich von rationaler Politik.“ Und so fühlt sich der nordrhein-westfälische SPD-Politiker dem Gründervater seiner Partei, Ferdinand Lasalle, verpflichtet. Der forderte nämlich: „Sagen, was ist“, gerade auch in sensiblen Politikbereichen. Auch diese Forderung steht jenseits von Links und Rechts. Denn was ist, ist wie es ist, unabhängig von einer Partei-Ideologie oder einer politischen Einstellung. „Zu den Sachen selbst!“, könnte man hier auch mit dem Phänomenologen Edmund Husserl ausrufen.

Verzichtsethik Wenn Farthmann kein Mehr an materiellem Wohlstand fordert, so deshalb, weil er ein Mehr an Zukunft gewinnen will. Weniger ist mehr. Das erfordert ein Anhalten der Einkommensspirale in Deutschland, sowie ein Ausgleich, wo ein unerträgliches Wohlstandsgefälle besteht. Hier ist der heutige Preisträger als Sozialpolitiker gefordert. Er hat die Herausforderung in der letzten Legislaturperiode des nordrhein-westfälischen Landtages angenommen, indem er den Vorsitz der Enquetekommission „Zukunft der Erwerbsarbeit“ antrat. Eine zentrale Forderung dieser Kommission lautet auf Arbeitsumverteilung, das heißt, die vorhandene Arbeit muß – ohne Lohnausgleich – besser verteilt werden. Doch sicher kann Professor Farthmann selbst besser erzählen, wo in der konkreten Politik im Sinne seines Buches Blick voraus im Zorn Schritte in die richtige Richtung gemacht werden konnten und wo ihm die Grenzen der Politik aufgezeigt wurden. Wir sind also alle sehr gespannt auf Ihre Dankesrede, Herr Prof. Farthmann.

Gruhl über Farthmann

Der Namensgeber des heute zu verleihenden Herbert-Gruhl-Preises hat Prof. Farthmann einmal selbst in einer Bundestagsrede erwähnt. Im Februar 1980 erklärte Gruhl vor dem Deutschen Bundestag, daß der damalige nordrhein-westfälische Minister Farthmann das atomare Risiko von Atomkraftwerken für den Kriegsfall sehr früh sehr ernst genommen habe. – Ein Thema, das durch die bis vor kurzem noch für unmöglich gehaltenen Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001, auch die Politik bei uns leider eingeholt hat.

Summa summarum Sehr geehrter Herr Prof. Farthmann, ich darf Ihnen für Ihre herausragenden Leistungen in Sachen politischer Ökologie im Namen der Herbert-Gruhl-Gesellschaft den Herbert-Gruhl-Preis zusprechen; Heinz-Siegfried Strelow, unser Vorsitzender, wird ihn Ihnen überreichen. * Im Anschluß folgte eine Dankesrede des Preisträgers, die im Januar 2002 im Jahrbuch Naturkonservativ heute , Bd. 2 veröffentlicht wird.