Europa ist mehr als ein großer Markt

Gerd-Klaus Kaltenbrunner: (1939-2011)

In diesen Tagen, die ganz im Zeichen der Krise des Euro und Europas stehen, im Zeichen ratloser Rettungsversuche und scheinbar alternativloser Entscheidungen, hat die Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. mit ihrem Band Die Europäische Union. Perspektiven mit Zukunft? eine ins Grundsätzliche gehende Diskussion angeregt. Man kann vor diesem Hintergrund sicher an den am 4. April vor einem Jahr in Lörrach verstorbenen Privatgelehrten und Philosophen Gerd-Klaus Kaltenbrunner erinnern und seine Worte zu bedenken geben. Der 1939 geborene Kaltenbrunner hat zwei Europa-Trilogien vorgelegt: Europa. Seine geistigen Quellen in Portraits aus zwei Jahrtausenden und das ebenfalls drei Bände umfassende Werk Vom Geist Europas. Er hatte in seiner Jugend vor allem durch die Begegnung mit dem Begründer der Paneuropa-Bewegung, Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi, Interesse an kulturellen Fragen gefunden.

In einem Gespräch aus dem Jahr 1984* sagte Kaltenbrunner: „Die Weltgeschichte wird nun einmal nicht von Kaufleuten, Händlern und Kommerzienräten bewegt, sondern von Kämpfern, von Soldaten, von Partisanen, kurz: von glaubensstarken und zum Martyrium bereiten Eliten.“ Und dabei hatte er nicht so sehr Mao Zedong im Sinn – der ihm aber sicher zugestimmt hätte. Nein, Kaltenbrunner dachte an „die Athener, Römer, Perser des Altertums“ auch an die „Glaubenszeugen und Asketen des frühen Christentums, die Wikinger, den Islam, den Nationalismus und auch den Sozialismus in seiner heroischen Periode…“

Nun, Asketen sind es heute ganz sicher nicht, welche die Weltgeschichte zu bewegen scheinen – die politisch Verantwortlichen erinnern doch verteufelt an Krämerseelen, die wohl zu allem entschlossen sind, aber gewiss nicht zum eigenen Martyrium, viel eher zum fortgesetzten Martyrium ihrer Wähler. Nur ein Grund mehr, Kaltenbrunner genauer zuzuhören: „Die Geschichte geht weiter. Europa ist mehr als ein großer Markt, der aus allen Fugen kracht.“ Worte zwischen Prophetie und Hoffnung: was wäre Europa heute, wenn nicht genau das? Ein Markt, der unter unseren Augen zusammenbricht?

Aber „Europa ist keineswegs unaufhebbar dazu verurteilt, ein Friedhof zu werden.“ Das wollen wir alle inständig hoffen. Um aber diese angesichts der Demographie nicht gar so unwahrscheinliche Perspektive zu vermeiden, müssten wir Europäer wissen, wer und was wir überhaupt sind, wir müssten mehr sein wollen als nur ein überschuldeter Markt der günstigen Verlockungen. „Ein sinnvolles, ein selbstbewusstes, ein hochgemutes Leben gibt es nicht ohne schöpferischen Dialog mit der Geschichte, ohne Verwurzelung in einer Tradition, ohne das Gespräch mit den Großen der Philosophie, der Dichtung, der religiösen Überlieferung, der politischen Weisheit.“ Dem sollte eigentlich nichts mehr hinzuzufügen sein ...

Dr. Michael Rieger, im März 2012

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.