Eine Anleitung, die Ökologiefrage selbst zu durchdenken

Eine Anleitung, die Ökologiefrage selbst zu durchdenkenZu: Hararld Welzer, Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 329 Seiten, 19,99 Euro.

Von einer Veranstaltung zum 40. Jahrestag der “Grenzen des Wachstums” in München im Herbst 2012 berichtete ein Vorstandsmitglied aus Bayern und findet seine Einschätzung in einem SZ-Interview mit Harald Welzer vom 2./3. März gut getroffen. Dennis Meadows hatte vor Klimaforschern erklärt, der Abzweig zur Nachhaltigkeit sei verpaßt worden, es könne nur noch um andere Szenarien gehen. Die Klimaforscher seien darauf nicht eingegangen, trugen ihre mitgebrachten Power-Point-Präsentationen vor und flogen wieder mit dem Flugzeug davon. Ein solcher Wissenschaftsdiskurs hat autistische Züge, keine Frage. Copyright: S. Fischer

Von Welzer liegt auch ein Buch mit dem Titel “Selbst denken” vor. Der Untertitel lautet “Eine Anleitung zum Widerstand”. Schlägt man das Buch auf, findet sich darin ein Kapitel mit der bemerkenswerten Überschrift “Das Wunder des grünen Puddings”. Hier heißt es gleich zu Anfang: “Kinder, Betrunkene und neu ins Amt berufene Minister sagen die Wahrheit. So war der zufällig Bundesumweltminister gewordene CDU-Politiker Peter Altmaier erstaunt, als ihm gleich nach Amtsantritt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) eine Studie vorlegte und damit die Forderung an die Regierung verband, sie möge doch bitte dafür sorgen, dass künftig das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werde. Altmaier sagte verlegen lächelnd, das höre sich ja gut an, er könne sich aber nicht recht vorstellen, wie das gehen solle. Mit diesem Zweifel lag der Minister in der Sache durchaus richtig …” Welzers Einschätzung stützt sich auf den Ökonomen Nico Paech; aber auch Herbert Gruhl (1921 – 1993) ließe sich mit entsprechenden Zweifeln anführen, da ihm Umweltvorsorge und Wirtschaftswachstum nicht einfach mit einem Kunstgriff in Einklang zu bringen waren (“Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie”). Diese angebliche Entkoppelung etwa durch Ressourceneffizienzsteigerung bleibt immer ein höchst relativer Vorgang. Mehr Wirtschaftswachstum ist immer ressourcenaufwendiger als weniger. Entsprechendes gilt für die Zahl der Menschen in einem einzelnen Land oder auf der ganzen Welt. Altmaier war also mit seinem Geistesblitz durchaus auf der Höhe so mancher skeptischer Denker angekommen, doch habe er schon wenige Wochen später auf dem Weltrettungsgipfel “Rio +20” im Juni 2012 mitgeteilt: die Zukunft der Erde sei gefährdet, wenn man das Wirtschaftswachstum nicht vom Ressourcenverbrauch entkoppele. Altmaier “hat das Falsche dazugelernt und verkündet es nun wie alle anderen.“ Altmaier ist in den “grünen Pudding” getreten. Er hätte einfach weiter selber denken müssen, wie das Welzer mit seinem Buchtitel empfiehlt. Doch das sozialpsychologische Wirkungsgefüge war stärker als das eigene Selbst. Wie Altmaier geht es vielen, nur wenige illustre Gestalten lassen sich nicht so leicht beirren.

Kants “Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”, ist eben nicht einfach zu haben. Im Gegenteil, der Preis solchen Mutes ist oft hoch und die letzten Jahre wohl auch weiter gestiegen. Wer große Versprechen im akademischen Gewand macht und damit in Kommissionen, Politik oder Medien wirken darf, wird den Nachwuchs schon auf Linie zu bringen verstehen, der dann das Falsche dazulernen darf. Das dürfte erklären, weshalb Selberdenker mit entsprechender Originalität so selten in Erscheinung treten und “Der Campus” (Dietrich Schwanitz) längst Stoff für realsatirisch angehauchte Romane hergibt. Eine Anleitung zum Widerstand gegen die Bevormundung des Denkens auch in ökologischen Fragen war da überfällig. Graphiken, die das Bevölkerungswachstum und andere ökologisch problematische Zuwächse zeigen, sind sicher zur Orientierung hilfreich. Welzer schöpft aus einem faktenreichen Hintergrundwissen und vermag ein breites Publikum mit seinem essayistischen Stil anzusprechen. Ob Welzers Werk das wichtigste Buch des Jahres ist, wie die taz sich laut Klappentext schon im laufenden Jahr festlegt, sei dahingestellt; ein anregender Schmöker ist “Selbst denken” allemal. Auch bleibt das Buch nicht beim Denken stehen, sondern bezieht das Handeln in zwölf Widerstandsregeln mit ein. Die 13. Regel wäre noch hinzuzufügen: Selbst lesen.

(V. Kempf, 10./11. April 2013)

 

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