Die Tagung zum Film “Friedlich in die Katastrophe” (10/2012), Neuenburg a. Rh.

Alternativlos in die Katastrophe?

“Warnende StimAlternativlos in die Katastrophe 2 _men gegenüber der Nutzung der Atomkraft gibt es schon lange, deutlich vernehmbar von Holger Strohm und Herbert Gruhl schon in den 1970er Jahren. Die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima folgten. Doch der Atomkraftnutzung wird international weiterhin eine Zukunft eingeräumt. Wird durch Katastrophen nicht genug gelernt? Gibt es überhaupt Alternativen zu einem selbstzerstörerischen Kurs des Menschen?” (Ankündigungstext)

Als Holger Strohm am Freitag, den 5. Oktober, in Neuenburg am Rhein seinen atomkraftkritischen Film „Friedlich in die Katastrophe“ präsentierte, war das schon der Auftakt für die Gegenfrage einer Wochenendtagung der Herbert-Gruhl-Gesellschaft in der selben Stadt: „Alternativlos in die Katastrophe?“ Die Diskussion zum Film zwischen Strohm und den Kinobesuchern im Kino im Stadthaus hatte schon der Vorsitzende der besagten Gesellschaft, Volker Kempf aus Breisach a. Rh., geleitet und dabei herausgestrichen: „Pointierte Formulierungen“ und „beeindruckende Bilder“. Etwas mehr in die Tiefe sollte es tags darauf im engeren Kreis der 20 Tagungsteilnehmer im Hotel Neuenburger Hof gehen.

Als erster Redner referierte Friedhelm Meßmer aus Hartheim a. Rh. zum Thema „Nutzen und Nachteil der Alternativenergien“. Er habe sich als Energiespeichertechniker – nicht zuletzt unter dem Eindruck der Nähe seines Wohnortes zum AKW Fessenheim – über Jahrzehnte hinweg intensiv Gedanken über die Energiewirtschaft gemacht. Sein Fazit laute, zu viel in Biomasse gespeicherte Energie bleibe ungenutzt. Er meinte konkret die in der Region ohnehin anfallenden Maisstauden, Rebschnitt, Holz und Schnittgut entlang der Verkehrswege. Diese hätten zusammengenommen ein so großes Potential und seien so flexibel einsetzbar, dass sie nach seiner Berechnung sowohl den Atomstrom ersetzen könnten als auch der Windkraftnutzung überlegen seien. Der Wirkungsgrad von Elektromotoren sei zudem deutlich größer als der von Benzinmotoren. Mit der Energie, mit der ein Ottomotor betrieben werde, könnten mehrere Elektromotoren gespeist werden. Dies setze allerdings eine dezentrale Stromproduktion voraus, die ihrerseits vergleichsweise wenig Energieverluste mit sich bringe.

Sind das genug der Alternativen? Holger Strohm jedenfalls referierte unbeeindruckt seine in „Das Wunder des Seins und seine Zerstörung“ angestellte Bilanz. Das Wunder des Seins bestehe darin, dass Leben, gerade auch menschliches, unerklärlich bleibe. Der Schöpfer des Seins sei Gott. Es sei nicht zu übersehen: Der Mensch zerstöre, was Gott geschaffen habe, und das sei dann doch wohl „teuflisch“.

Holger Strohm (rechts) mit dem Vorsitzenden der Herbert-Gruhl-Gesellschaft zwischen den Ruinen der untergegangenen römischen Kultur in Badenweiler.

Ob der Mensch mit seiner Zivilisation als Art insgesamt scheitern werde, blieb offen. Dass aber Kulturen immer wieder untergingen, das zu veranschaulichen bedurfte es nur einer Exkursion ins nahegelegene Badenweiler, in dem sich die größte Badruine der untergegangenen römischen Kultur nördlich der Alpen befindet.

Nach der Exkursion skizzierte der Soziologe und HGG-Vorsitzende Volker Kempf „Eine Ortsbestimmung des Menschen in der wissenschaftlichen Zivilisation“. Er ging zunächst auf der Grundlage seines neuen Buches “Wider die Wirklichkeitsverweigerung” über Helmut Schelsky von eben diesem soziologischen Klassiker aus. Dieser habe 1961 eine Zerstörung des Menschen und seiner Welt für möglich erklärt, sei dann aber selbst zur soziologischen Tagesordnung übergegangen. Die Begründung eines drohenden Niederganges habe auf das Wesen des Menschen mitsamt der zu ihm gehörenden Technik gelautet. Zum Lebensthema habe sich diese aufgeworfene Frage Herbert Gruhl gemacht und sei in seinem Spätwerk „Himmelfahrt ins Nichts“ zu dem von Schelsky nur grob skizzierten Ergebnis gekommen: ein Scheitern der Menschheit sei aus anthropologischen Gründen durchaus wahrscheinlich. Die Zahl der Menschen und deren Ansprüche würden der Erde letztlich zu viel abfordern.

Die Tagungsteilnehmer waren sich einig, schwierige Zukunftsaussichten würden nicht von der Verantwortung entbinden, nach konstruktiven Beiträgen zur Verbesserung der Problemsituation weiterzusuchen und sie nach kritischer Überprüfung auch zu unterstützen.

(Eigener Bericht vom 09.10.2012; Foto privat.) ________________________________________________________________ * In Zusammenarbeit u.a. mit der HGG fanden/finden in Südwestdeutschland Filmvorführungen “Friedlich in die Katastrophe” mit Diskussionen mit Holger Strohm statt: – Fr., 5. Oktober 2012 (20 Uhr) in Neuenburg a. Rh., Kino im Stadthaus – So., 7. Oktober 2012 (19.30 Uhr) in Freiburg i. Brsg., Kommunales Kino im Wiehrebahnhof – Mo., 8. Oktober 2012 (19.30 Uhr) in Neustadt im Schwarzwald, Krone-Theater  – Di., 9. Oktober 2012 (19.30 Uhr) in Freiburg i. Brsg., Kommunales Kino im Wiehrebahnhof – Mi., 10. Oktober 2012 (19.00 Uhr) in Kenzingen, Kenzinger Löwenlichtspiele

[BH1]Untertitel zu Bild mit Kempf in der Gärtnerei

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