Die Grenzen des Wachstums bleiben eine große Herausforderung

Die Studie The Limits to Growth, zu deutsch Die Grenzen des Wachstums, wurde im März 1972 – vor 40 Jahren – veröffentlicht. Der epochemachende Erfolg dieser von Dennis L. Meadows für den Club of Rome verfaßten Studie fiel mit der Ölkrise vom Oktober 1973 zusammen. Diese Krise führte vor Augen, was es heißt, wenn sich Knappheit auf dem Rohstoff- und Energiemarkt einstellt. Es war dies eine künstliche Ölverknappung, die die Organisation der Erdöl expotierenden Länder (OPEC) herbeiführte. Aber das änderte nichts daran, daß sich Probleme für Wirtschaft und Politik ergaben. Willy Brandt scheiterte an dieser künstlichen Verknappung, weil sie seine kostenintensive Sozialpolitik treffen mußte.

Die besagte Studie hatte keine Sensation zu vermelden, sondern lediglich mit Computermodellen vorgerechnet, was jedes Kind weiß, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wachsende Lebensansprüche einer wachsenden Menschheit, das muß an Grenzen stoßen, lautete die Botschaft. Was über die Maßen wächst, ist maßlos, gleicht einer Verfettung und ist damit ein Symptom einer Krankheit. Was da krankt, ist das Ökosystem. Mit einem kranken Ökosystem läßt es sich nicht zukunftsfähig wirtschaften. Die Wirtschaftswissenschaften hatten einen zu verengten Blick eingenommen, dämmerte nun. Sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Allzu menschlich wurden Fehler in den Details der Club of Rome-Studie gesucht, um nur nicht die eigene „Denkform“ (Hans Leisegang) in Frage stellen zu müssen.

Das gilt nicht minder von den Sozialwissenschaften. Diese hatten in sozialen Klassen und Schichten gedacht, um Konflikte zwischen ihnen auf der Basis grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstums bewältigen zu helfen. Für den westlichen Neomarxismus war das Denken in Begrenzungen besonders schwer mit ihrem Anspruchsdenken vereinbar. So kam Herbert Marcuse 1973 in einem Interview zum Thema zwar nicht umhin auszusprechen, der Studie Die Grenzen des Wachstums komme „größte Bedeutung zu“, aber nur „weil sie die dem kapitalistischen System innewohnende Destruktivität und Aggressivität aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet.“ Marcuse also wandte die Meadows-Studie nur gegen den Kapitalismus. Der reale Sozialismus war Marcuse in diesem Zusammenhang kein Thema wert, außer daß er erklärte, die Arbeiter in den USA würden bei dem Stichwort Sozialismus zu Unrecht nur an den real existierenden Sozialismus denken und daher vom rechten Glauben an einen wahren Sozialismus abfallen. Aber genau damit bewiesen jene Arbeiter mehr Realitätssinn als Marcuse. Denn der real existierende Sozialismus fiel nicht nur durch seine vergleichsweise geringe Wirtschaftskraft auf, sondern auch dadurch, im Verhältnis zu seiner Produktivität ein Höchstmaß an Umweltzerstörung zu erzeugen. Marcuse schwebte also ein utopischer Sozialismus vor, der Realvergleiche nicht nötig zu haben meinte. Am Ende seines Interviews, das in dem Band ’Die Grenzen des Wachstums’ Pro und Contra veröffentlicht ist, setzte Marcuse wie ehedem auf Wirtschaftswachstum, um damit die Armut in der Welt zu beseitigen.

Ganz anders einer der Hauptvertreter der „Leipziger Schule“, Arnold Gehlen, der noch kurz vor seinem Tod im Januar 1976 Zur Lage der Soziologie schrieb, mit besagter Studie würde sich „eine neue, sehr umfassende Krisenwissenschaft ankündigen, die über den Bereich der Soziologie hinausgreift“. Gehlen selbst ordnete die Wachstumsgrenzen dem von ihm wiederbelebten Begriff der „Post-historie“ ein, sie blieben ihm also ein zeitloses Signum für die Grundstrukturen der industriellen Gesellschaften. Es waren dies Überlegungen, die über den Kalten Krieg und die damit verbundene Frage nach den politischen Systemen in Ost und West hinaus gingen.

Die Strategie, das System der Bundesrepublik und anderer Staaten der westlichen Welt in Richtung Sozialismus zu überwinden, war aber 1973 von den damaligen sozialen Bewegungen noch nicht aufgegeben worden. Dessen war sich auch Marcuse bewußt, wenn er sich seinerzeit noch in einer „neuen Periode der Umgruppierung und Neubesinnung“ der Studentenbewegung wähnte. In dieser Situation blieb Marcuse die „Hauptfrage“, „welche Organisationsform der Bewegung gegeben werden soll.“ Diese Frage konnte Marcuse seinerzeit noch nicht hinreichend beantworten, außer daß er den Grenzen des Wachstums eine einseitig kapitalismuskritische Stoßrichtung gab, wie übrigens auch die Sowjetunion.

In Westdeutschland begannen sich die politischen Lager angesichts der nun bewußt werdenden Herausforderung ökologischer Zukunftsfähigkeit neu zu sortieren. Das wird anhand zweier Ökobestseller aus dem Jahre 1975 deutlich. Erhard Eppler erkannte in seinem Buch Ende oder Wende die von Marcuse angesprochenen Suchbewegungen auf linker Seite und versuchte diese Strömungen in die SPD hinüberzuziehen und einige heimatlos gewordene Konservative gleich mit. Das gelang unter Helmut Schmidt aber nur sehr bedingt. Noch schwieriger hatte es unter Helmut Kohl der umweltpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Herbert Gruhl. Er hatte schon vorzeitig ein Exemplar der Grenzen des Wachstums erhalten und versuchte umfassend die Politik von den Grenzen der Erde her neu zu buchstabieren. Sein Buch Ein Planet wird geplündert, mit dem Untertitel Die Schreckensbilanz unserer Politik, hatte Gehlens Überlegungen von 1976 schon vorweggenommen und wurde mit fast einer halben Million verkaufter Exemplare ein Erfolg, wie er sich heute nur mit demjenigen von Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab vergleichen läßt. Doch Gruhl wurde innerparteilich zum Außenseiter, so daß er 1978 die Grüne Aktion Zukunft (GAZ) gründete, die die treibende Kraft für die Europawahlgrünen von 1979 war. Der Wahlerfolg konnte sich mit 3,2 Prozent sehen lassen. Baldur Springmann, Joseph Beuys und Petra Kelly hatten dazu mit beigetragen. Von nun an war den Linken, die Marcuse im Blick hatte, klar, wo Protest nicht ins Leere lief, sondern eine Organisationsform fand, die Früchte in Form von Wahlkampfkostenerstattungen trug. Dazu mußte auf politischem Terrain nur die intellektuelle Leitfigur Gruhl ausgeschaltet werden, die dem Neomarxismus gegenüber kritisch eingestellt war und viel auf die Gründungsväter der sozialen Marktwirtschaft hielt. Es gelang den bei den Grünen hereinströmenden K-Gruppen, Gruhl mit trotzkistischen Methoden an den Rand zu drängen. Dem taktischen Geschick der Kader war das bürgerliche Lager trotz seiner Mehrheit nicht gewachsen, zumal links zu sein auch dort zunehmend als chick galt. Gruhl trat im Januar 1981 aus der Partei aus. Die Karrieren kommunistischer Sektierer nahmen ihren Lauf und drehten dabei so manche Piourette bis weit in das Establishment hinein.

Als es Die Grünen noch nicht gab, standen Eppler und Gruhl für eine politische Ökologie von linker und konservativer Seite. Eppler gesteht heute in Epochenwechsel nach der Blamage der Marktliberalen, Gruhl habe weit mehr als er selbst über der Politik stehend argumentiert. Man muß sich keinem Lager zuordnen, um zuzugestehen, daß Die Grenzen des Wachstums einem genuin konservativen Denken entgegen kommen. Schon Ludwig Klages wies in seiner Rede „Mensch und Erde“, die er im Oktober 1913 auf dem Jugendfestival auf dem Hohen Meißner hielt, auf die gewaltigen anthropogen bedingten Veränderungen der Erdoberfläche und ihrer Tierwelt hin und wertete diese als Zeichen des Kulturverfalls. Im Duktus der Besinnlichkeit wies Klages den „Kampf ums Dasein“ zurück und sprach der „Fürsorge für das Leben“ und der Erhaltung der heimatlichen Landschaft das Wort. Er warnte mit Blick auf die Wale, es mit ihrer Ausbeutung bis zu deren Ausrottung zu treiben. Der Fortschrittsoptimismus schien hier so verlogen wie der Prunk des Wilhelminismus am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Der Historiker Walter Laqueur wies Klages’ Rede in den fortschrittsoptimistischen 1960er Jahren als „wilde Verwünschungen“ zurück. Der Zoologe Bernhard Grzimek pries in seinem Vorwort zu Klages’ Rede in den 1980er Jahren dessen Weitsicht – und Vergeblichkeit. Das zeigt, daß man es sich mit warnenden konservativen Stimmen nicht zu leicht machen sollte. Auch die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft wie Walter Eucken waren für die Problematik offen und nutzten konservatives Denken für die Behauptung ordoliberaler Konzepte. Die Zeit damals war allerdings mit vordringlicheren Fragen beschäftigt als ökologische Probleme systematisch in marktwirtschaftliche Konzepte einzubinden. Um so mehr muß einem modernen Konservatismus daran gelegen sein, den Ordoliberalismus weiterzuentwickeln. Denn konservativ heißt bewahren, nicht plündern. Und es heißt, Maß zu halten, wie Ludwig Erhard noch wußte. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung bedeutet das eine zusätzliche Herausforderung.

(V. Kempf, 6.3.2012)

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