Den Worten der Toten Gehör schenken

Zum 20. Todestag von Herbert Gruhl

„Glücklich werden die sein, die den Worten der Toten Gehör schenken, gute Werke lesen und beachten“, so lautet eine Tagebuchaufzeichnung von Leonardo da Vinci, welche Herbert Gruhl 1984 heranzog und zu einem Buchtitel erhöhte – für seine Anthologie „Zeugnisse ökologischer Weltsicht aus vier Jahrtausenden“. Seit dem 26. Juni 1993 gehört Herbert Gruhl selbst zu den Toten, und so fragt sich, ob seinen Worten Gehör geschenkt wird, seine Werke zu den qualitativ hochwertigen zählen und beachtet werden.

Den Worten Gruhls Gehör schenken? Herbert Gruhl schloß die erwähnte Anthologie mit Friedrich Nietzsches Worten:

„Wir wollen gehört werden, denn wir reden als Warner, und immer ist die Stimme des Warners, wer er auch sei und wo sie auch immer erklinge, in ihrem Rechte; dafür habt Ihr, die Ihr angeredet werdet, das Recht, Euch zu entscheiden, ob Ihr Eure Warner als ehrliche und einsichtige Männer nehmen wollt, die nur laut werden, weil Ihr in Gefahr seid, und die erschrecken, Euch so stumm, gleichgültig und ahnungslos zu finden. Dies dürfen wir von uns selbst bezeugen, daß wir aus reinem Herzen reden und nur soweit dabei das Unsere wollen und suchen, als es auch das Eure ist …“   

Wenn Herbert Gruhl warnte, dann vor dem gedankenlosen Gebrauch der politischen Begriffe. Insbesondere mutete Herbert Gruhl der Gebrauch des Wortes Wachstum in Wirtschaft und Politik „stumm, gleichgültig und ahnungslos“ an. Was anorganisch ist, kann nicht wachsen. Ein wachsendes Auto, undenkbar. Etwas wird hier mit der Produktion mehr, an anderer Stelle dafür etwas weniger. Gegenstandstheoretisch ist der Fall klar. Aber doch wächst die Wirtschaft, ein Unternehmen, es gleicht eher einem ungezügelten Roß als einem Auto, argumentierte Franz Vonessen dagegen. Er dachte an den Leviathan, der alles beherrscht und ausspeit, was ihm nicht gefällig nach dem Mund redet. Alles mag wachsen, aber die Freiheit, seine Meinung zu sagen, die wächst gerade nicht. Überall regieren die Tabus, die das prüfend-skeptische Denken verbieten wollen. Also regiert die Gedankenlosigkeit in Sachen Wachstum bis in die höchsten Staatsämter gleich mit.

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht es dieser Tage laut Spiegel vor allem darum: “mit welchen Waren und Dienstleistungen wir am Wachstum der Welt teilhaben wollen, womit wir in Zukunft unser Geld verdienen wollen.“ Grenzen des Wachstums der Welt, war da nicht einmal etwas? Eine planetarische Wende hatte Herbert Gruhl in „Ein Planet wird geplündert “ 1975 gefordert, bei der von den Grenzen des Planeten und nicht von einem grenzenlosen Wachstum ausgegangen werden müßte. Vielleicht hätte Merkel dieses Buch, statt es Ole von Beust zu schenken, einmal selbst lesen und bedenken sollen.

Da sind einige Grüne doch schon einen Schritt weiter. Das meinen jedenfalls regelmäßig „grüne“ Politiker von sich selbst und fordern Wirtschaftswachstum und Ökologie zu entkoppeln. Dann, ja dann könnte doch die Weltwirtschaft wachsen, ohne daß die Welt der Ökologie unwiederbringlich zerstört würde. Wie das gehen soll, wurde schon mit der Rede vom “qualitativen Wachstum” in den 1970er Jahren angedacht. Doch ein solches Wachstum, das von der Ökologie abgekoppelt ist, kann nur eines sein, für das nicht zusätzlich Energie und Rohstoffe aufgewandt werden; nur dann wäre es ein qualitatives, kein quantitatives Wachstum. Das stellte seinerzeit schon Herbert Gruhl in “Wunschdenken contra Naturgesetze” klar. Mittlerweile ist es ruhig geworden um ein angebliches “qualitatives Wachstum”, dafür wird es nun abgelöst durch die Rede von einem “intelligenten Wachstum”. Ralf Fücks, Vorstansmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, tritt hier mit seinem Buch “Intelligent Wachsen” besonders hervor. 40 Jahre nach den “Grenzen des Wachstums” seien die Rohstoffe noch nicht erschöpft, die Menschheit weiter gewachsen, die wirtschaftliche Produktivität ebenfalls. Damit sei das Paradigma von den Wachstumsgrenzen widerlegt. So einfach kann man es sich machen, nur daß es sich vor 40 Jahren gar nicht um Prognosen, sondern um Szenarien handelte und um einen Zeithorizont von 100 Jahren, der hier mit 40 Jahren gleichgesetzt wird, um alles als widerlegt auszugeben. Das ist der gleiche Selbstbetrug wie jener Merkels, nur etwas grün verbrämt. Statt von “intelligentem Wachstum” zu reden, das das Heil bringen soll, wäre es an der Zeit, ein “Wachstum der Intelligenz” zu fordern – das allerdings wäre dann rein qualitativ.

Die Intelligenz sollte in den Wissenschaften konzentriert sein, so daß auf ihr einige Hoffnungen ruhen. Doch wird man hier ebenfalls vieles „stumm, gleichgültig und ahnungslos“ finden können. Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung globale Umweltveränderungen (WBGU) etwa klammerte in seinem Jahresgutachten 2011 das ökologisch problematischste Wachstum, nämlich das der Weltbevölkerung, einfach aus. Das war einmal denkunmöglich für Werner Heisenberg, Karl Popper oder Konrad Lorenz. Diese Wissenschaftler und Denker hatten die überragende Bedeutung der Bevölkerungsdichte auf der Welt als völlig klar hervorgehoben. Soziologen tun sich genau damit besonders schwer. Es fehlt dort einfach an Denkkraft (Intelligenz), meint Volkmar Weiss in „Die Intelligenz und ihre Feinde“. Das Problem, das Zeitgeschehen und die Ökosystemanalyse miteinander verbinden zu müssen, ist aber auch mit besonders hohen Anforderungen an den einzelnen Sozialwissenschaftler verbunden. Diese Anforderungen können nur mehr über Doppelausbildungen erfüllt werden, um auch der naturwissenschaftlichen Ebene gerecht zu werden. Das gilt für Umwelthistoriker ebenso wie für Umweltsoziologen oder für Vertreter einer sozialen Ökologie. Herbert Gruhl selbst hatte nicht nur in Philosophie promoviert, sondern auch eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und am väterlichen Hof damals noch naturnah gearbeitet – eine glückliche Verbindung, von der jeder Leser seiner Schriften nur profitieren kann.

Herbert Gruhl Gehör schenken heißt folglich, sich seinen Büchern und Schriften zuzuwenden und sie durch Mitdenken zu beachten. Vieles von heute wird einem dann in Politik und Wissenschaft um so undurchdachter erscheinen. Es war Herbert Gruhl sichtlich ein Vergnügen, inmitten von Lüge und Täuschung die Wahrheit zu sagen.

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Der Herbert-Gruhl-Gesellschaft war es immer ein Anliegen, die Quellen zu erschließen, die nun aus gegebenem Anlaß teilweise unter naturkonservativ.de abrufbar sind und noch zahlreicher im Band “Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden” einen Publikationsort gefunden haben. Eine Zusammenstellung von Stimmen über Herbert Gruhl anläßich seines 20. Todesjahres ist ebenfalls online.

(V. Kempf, 11. Juni 2013)

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