Das grüne Manifestder der GAZ

“Das grüne Manifest” war das Programm der 1978 von Herbert Gruhl initiierten Umweltpartei Grüne Aktion Zukunft (GAZ). Die Partei ging 1980 vorübergehend in Die Grünen ein, löste sich aber nicht auf. “Das grüne Manifest” wurde am 13. Juli 1978 verabschiedet und geht federführend auf Herbert Gruhl zurück. Koautorin ist Christa Meves, was die Punkte 9 bis 11 betrifft (vgl. hierzu Meves, Christa: Ad memoriam Herbert Gruhl, in: Naturkonservativ heute, 3. Jg./2003, S. 99-101). Das besagte Manifest ist nachgedruckt, in: Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden. Schlüsseltexte, Interviews und Reden (1976- 1993). Hrsg. von Volker Kempf. Frankfurt a. M.: P. Lang, 2005, S. 139-143. Es existiert auch eine 8 Seiten lange Fassung mit Erläuterungen (wovon die HGG Wissenschaftlern und Journalisten auf Anfrage ein Exemplar zur Verfügung stellen kann: Kontakt).

Das grüne Manifest

Programm der „Grünen Aktion Zukunft“ (GAZ)

Vorsitzender: Bundestagsabgeordneter Dr. Herbert Gruhl, 1978

1. Unsere Politik ist verantwortlich gegenüber Kindern, Enkeln und künftigen Generationen. Für ihr und unser Überleben ist die Bewahrung der ökologischen Grundlagen alles Lebens – Luft, Wasser, Boden, Pflanzen- und Tierwelt – Voraussetzung.

2. Das derzeitige ökonomische System der Menschen in den Industrieländern zerstört diese Voraussetzungen mit der Folge der Selbstvernichtung. Darum muß die Ökonomie in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen gebracht und in sich selbst zu einer Wirtschaft des dynamischen Gleichgewichts ausgestaltet werden.

3. Es ist ein Irrtum, daß die jetzige materialistische Verschwendungswirtschaft noch das Glück und die Lebenserfüllung der Menschen fördere. Der Mensch wird in diesem materialistischen Frondienst immer gehetzter und unfreier, je länger er dem Götzen dient, den man fälschlich “wirtschaftliches Wachstum” nennt.

4. Die unhaltbare Wachstums-Ideologie ist bereits im Begriff, weltweit zusammenzubrechen. Die jetzigen Versuche, weiteres “wirtschaftliches Wachstum” zu erzwingen, werden die Krise verschärfen und um so eher in eine noch größere Katastrophe münden.

5. Die wahrheitsgemäße Aufklärung muß an die Stelle der haltlosen Versprechungen treten, die das materielle Anspruchsdenken immer höher treiben, welches auf einer begrenzten und überfüllten Erde nicht mehr erfüllt werden kann. Es kann nicht mehr angehen, jeder Bevölkerungsgruppe reihum das Meiste zu versprechen, sondern allen besonders den schwachen Gruppen – das Mindeste auf Dauer zu sichern.

6. Nur in einer Gleichgewichtswirtschaft können Preise und Löhne stabil gehalten und damit sozial gerechte Verhältnisse geschaffen werden; denn die Inflation trifft die Schwächsten. Sie verhindert die dauerhafte Sicherung der Renten und die Steuergerechtigkeit.

7. Unser Ziel ist es, allen Menschen ein sinnerfülltes Leben zu ermöglichen. Die Erfüllung findet jeder Einzelne vorwiegend in seinen geistig-seelischen, kulturellen und religiösen Erlebnissen sowie in den sozialen Bindungen seiner Familie und der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft innerhalb seines Heimatlandes. Gegenseitiges Vertrauen und Helfen muß die ökonomische Rücksichtslosigkeit ablösen. Auch das Opfer kann den Wert unseres Daseins erhöhen.

8. Alles muß einfacher werden: der Mensch, die Verwaltung, die Technik, der Verkehr. Nur dann bekommen wir wieder mehr Freiheit, weniger Konsumzwang und Leistungsterror, damit auch weniger Streß, Neurosen und andere Leiden.

9. Das Leben beginnt in der Familie. Den Müttern als dem wichtigsten Stand des Volkes muß mehr Anerkennung und Gerechtigkeit zuteil werden. Den Frauen stehen überall die gleichen Rechte zu wie den Männern, besonders das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

10. Die Bildungspolitik muß davon ausgehen, daß der junge Mensch verschiedene Entwicklungsstadien durchläuft und auch unterschiedliche Begabungen und Möglichkeiten mitbringt. Eine echte Lebens-Schule dieser Verschiedenheit gerecht werden.

11. Im gesamten Bildungssystem muß der verantwortliche Umgang mit der Umwelt gepflegt und gelehrt sowie zu solidarischem handeln erzogen werden. Das Ziel ist eine angstfreie und selbständige Persönlichkeit. Mammutschulen sollten abgebaut und private Ausbildungsstätten gefördert werden. Die Freiheit von Forschung und Lehre muß garantiert sein, ohne daß sich beide der gesellschaftlichen Verantwortung entziehen.

12. Ein jeder Mensch hat Anspruch auf eine sinnvolle Tätigkeit. Die derzeitige rationalisierte Massenproduktion verschwendet Energien und Rohstoffe und macht immer mehr Menschen überflüssig. Nur durch Dezentralisation und Förderung der handwerklichen Berufe bekommen wir dauerhafte Arbeitsplätze, Lehrstellen und einen marktwirtschaftlichen Wettbewerb.

13. Künftig werden die weltweit knapper und teurer werdenden Grundstoffe deren höchst sparsamen Einsatz erzwingen. Menschen werden Arbeit haben, weil langlebige Qualitätsprodukte und deren Reparatur, die Wiederverwendung, der Umweltschutz aller Art und soziale Dienstleistungen arbeitsintensiv sind.

14. In unserem Energie- und Wirtschaftskonzept ist die Atomenergie überflüssig. Die Nutzung der natürlichen regenerierbaren Energiequellen wie Sonne, Wind, Wasser (auch Gezeiten) sowie die Wärme-Kraft-Kopplung sind zu fördern – ebenso der sparsame Einsatz durch entsprechende Preisgestaltung.

15. Neue technische Projekte sind vor ihrem Beginn daraufhin zu überprüfen, ob der Aufwand an Rohstoffen und Energie sowie die unvermeidlichen Umweltschäden noch in einem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen für den Menschen stehen. Die Werbung für unnötige oder gesundheitsschädliche Artikel ist einzustellen. Wahrheitsgemäße Informationen über Wirkung und Inhalt zu verkaufender Waren sind vorzuschreiben.

16. Die Entwicklung neuer Technologien mit dem Ziel langlebiger, wiederverwendungsfähiger Gebrauchsgüter unter sparsamer Verwendung von Energie und Rohstoffen wird nicht nur die internationale Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft verringern. Damit werden auch neue zukunftsträchtige Exportchancen geschaffen; denn nur solche „Kreislauftechnologien“ können das Überleben der Menschen in aller Welt sichern.

17. Die Landwirtschaft hat die lebenswichtige Aufgabe, uns mit gesunden Lebensmitteln weitestgehend aus dem eigenen Land zu versorgen. Die Entwicklung naturnaher und giftfreier Produktionsweisen sowie biologischer Schädlingsbekämpfungsmittel ist zu fördern. Landwirtschaftliche Neben- und Zuerwerbsbetriebe sind zu erhalten; sie erhöhen die wirtschaftliche Sicherheit in Zeiten des Arbeitsplatzmangels.

18. Die Landschaft und der fruchtbare Boden, auf dem die Sonnenenergie über Jahrtausende unschätzbare Werte hervorbringt, sind zu bewahren. Neue Industriebetriebe sind in der Regel nur auf aufgegebenen bebauten Flächen zu errichten

19. Der Wasservorrat unterliegt im Bereich der Bundesrepublik einer besorgniserregenden Verschlechterung. Eine vorsorgliche Wasserwirtschaft erfordert den umgehenden Schutz des Grundwassers und der Oberflächengewässer vor Verunreinigungen und Entnahmen, die über der örtlichen Ergiebigkeit liegen.

20. Wir fordern die Beendigung der Stadt und Land fressenden Straßen-Neubauten, die nicht mehr nötig sind, sondern die verkehrstechnische Verbesserung bestehender Straßen, den Bau von Rad- und Fußwegen und damit der Sicherheit von Leib und Leben. Nötig ist der Ausbau des energiesparenden öffentlichen Verkehrsnetzes, besonders der Bundesbahn.

21. Städte- und Wohnungsbau haben die Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen zu fördern, indem überschaubare Lebensbereiche geschaffen werden. Die Zersiedelung der Landschaft, insbesondere das unorganische Auswuchern der Großstädte ist zu unterbinden.

22. Die zentralistische und bürgerfeindliche Gebietsreform ist auf ihr sinnvolles Maß zurückzuführen. Die Verwaltung muß so überschaubar und bürgernah organisiert werden, daß die Betroffenen und die Bürgerinitiativen bei allen Planungen und Entscheidungen mitwirken können.

23. Die enge Verflechtung von Wirtschaft, Parteien und Behörden muß aufgelöst werden, damit die ökologischen Erfordernisse gegen die wirtschaftlichen Interessen durchgesetzt werden können. Parlamentarier und Staatsbeamte dürfen keine Aufsichtsratsmandate, Beraterverträge oder ähnliche Verpflichtungen in der Wirtschaft und Verwaltung übernehmen.

24. Ein jeder Bürger ist vor Gewalttaten aller Art zu schützen, besonders Frauen und Kinder. Andererseits müssen die Freiheiten des demokratischen Rechtsstaates aufrechterhalten werden, so besonders das Recht zur gewaltlosen Demonstration.

25. Durch eine Reform ist das Steuersystem so zu gestalten, daß es für Steuerzahler, -berater und -beamte verständlich wird. Die Steuergerechtigkeit muß dabei in wesentlichen Punkten verbessert werden.

26. Außenpolitisch sind wir für eine Politik der Partnerschaft und des friedlichen Zusammenlebens mit allen Völkern, auch mit denen des Ostblocks.

27. Wir fordern das Selbstbestimmungsrecht für alle Menschen und Völkern, so auch für alle Deutsche.

28. Wir haben die moralische Pflicht, den armen Völkern zu helfen, besonders bei der Stabilisierung ihrer Bevölkerung. Partnerschaftliche Hilfe kann nicht im Export umweltzerstörender Industrie bestehen, sondern in der Lieferung angepaßter handwerklicher und mittlerer Technologien.

29. Weitere atomare Zerstörungswaffen, besonders die lebensvernichtende Neutronenwaffe lehnen wir ab. Unser Ziel ist eine atomwaffenfreie Zone in Europa und eine schrittweise Abrüstung aller Mächte.

30. Wir sind für einen Ausbau der europäischen Gemeinschaft, wenn diese auf ökologischer Grundlage unter dem Gesichtspunkt der langfristigen Zukunftssicherung erfolgt.