Das Gesicht der Gründungsgrünen

Baldur Springmann (rechts) neben Alfons Benedikter und Prof.  Herbert Pilch während eines Treffens der UÖD in den 1990er Jahren
Baldur Springmann (rechts) neben Alfons Benedikter und Prof.
Herbert Pilch während eines Treffens der UÖD in den 1990er Jahren

Der Name Baldur Springmann ist auf das Engste mit den Gründungsgrünen von 1979/1980 verbunden, da er ihnen ein Gesicht gab, nämlich seines. Die Fernsehkameras liebten diesen Bauern mit Kosakenhemd, weil ihm anzusehen war, dass er dem gerade zweifelhaft gewordenen Fortschrittsoptimismus noch nie etwas abgewonnen hatte.

Als Star der Grünen gefeiert, lehnte er Ämterhäufung aber ab. Er kandidierte für die Europawahlgrünen an vierter Stelle und beschränkte sich auf sein Amt des Landesvorsitzenden der Grünen Liste Schelswig-Holstein (GLSH). Mit seinem Abschied von den Grünen 1980 steht Springmann für das Ausscheiden des ökologischen Flügels gegenüber den hereinströmenden K-Gruppen, die die Hemmschwelle für Gewalt gerade erst herabgesenkt hatten. Als Springmann zwei Jahre später als treibende Kraft die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) gründete, war er fast 70. Jahre alt. Er wurde hier stellvertretender Bundesvorsitzender, setzte sich mit seinem religiös-spirituellen Engagement aber programmatisch nicht gegen den nüchternen Parteichef Herbert Gruhl durch und verließ die ÖDP 1984 ohne viel Aufhebens.

Springmanns Weltsicht könnte noch Affinitäten zu seinem Elternhaus aufweisen, insofern der Vater Übersetzer hinduistischer Schlüsseltexte war. Die Gemeinsamkeit von Springmanns Skepsis gegenüber technischen Neuerungen im Alltag mit der im Hinduismus oft vorhandenen Leidenschaftslosigkeiten auf diesem Gebiet ist jedenfalls auffällig. Wolfram Bednarski sieht im Jahrbuch “Naturkonservativ. 2004” gar Ähnlichkeiten zum Prinzip Gewaltverzicht bei Mahatma Gandhi. Am prägensten war für Springmann sicher, dass er als Sohn eines Industriellenerben in einem verdreckten Industriegebiet in Hagen aufwuchs, um dort mit 15 Jahren den Wunsch zu fassen, einmal naturnah als Bauer zu leben. Seine “Abdrift” zur Zeit des nationalen Überschwanges hat Springmann in seiner Autobiographie “Bauer mit Leib und Seele” offen beschrieben. Oft wird hier ein Anknüpfungspunkt gesucht, um Springmanns Abgang bei den Grünen als letztlich notwendig darzustellen.

Die Realität ist wie so oft komplexer. Sowohl mit seiner patriotischen als auch lebensschützerischen Einstellung – er lehnte die Forderung nach Freigabe der Abtreibung ab – berührte Springmann immer wieder die wunden Punkte der späteren Grünen. So wäre Springmann auch 100 Jahre nach seiner Geburt nie in den Sinn gekommen, was die Grünen-Ikone Joschka Fischer in seinem Aufsatz “The Threat of German Amnesia” in einer für ihn so typischen Weise im Mai 2012 fordert: dass Deutschland wegen seiner Geschichte für den Euro und dessen Rettung zahlen müsse.

Springmann blieb ein Patriot, der sich über die Wiedervereinigung Deutschlands freuen konnte und dies auch mit einem nationalen Freudenmal gerne manifestiert hätte. Er engagierte sich noch mit dem ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Alfred Mechtersheimer in dessen Deutscher Aufbau-Organisation. Auch die Einführung von Volksbegehren schrieb sich Springman in seinen letzten Lebensjahren noch auf die Fahnen. Gleichgesinnte fand Springmann bei den Unabhängigen Ökologen Deutschlands (UÖD). Er starb am 24. Oktober 2003 im Alter von 91 Jahren.

 

(V. Kempf, 30./31.05.2012)

 

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