Dann war da noch ein englisches Tagebuch

Kürzlich lag auf einem antiquarischen  Büchertisch von Günter Kunert „Ein englisches Tagebuch“. Es ist 1978 erschienen, seinerzeit für 9 DDR-Mark erhältlich. Auf Seite 105 aufgeschlagen steht da etwas von Herbert Gruhl. Was es damit auf sich hat?

Der DDR-Schriftsteller Kunert gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR. Er ließ sich bei Itzehoe nieder. Insofern weist Kunerts Biographie einen Bruch mit dem SED-System auf. Das betreffende Buch fällt in diese Zeit.

Literarisch betrachtet wechselte Kunert von der Literaturgattung des sozialistischen Realismus zur frtschrittskritischen Literatur. Dies in einem fundamentalen Sinne, wie das Buch von 1978 zeigt.

Das Vorwort liest sich als eine Abkehr eines Schriftstellers vom Sozialismus und dem damit verbundenen Fortschrittsglauben, das Leben wie nach einem schönen Roman ausrichten zu können:

„Wir wissen, faktische und künstlerische Wirklichkeit sind grundverschiedene Dimensionen, in denen jeweils andere Gesetze herrschen. Daher erscheint es immer bedenklich, ein Buch an der Wirklichkeit messen zu wollen oder seine Wirklichkeitsnähe zu fordern. Die Umkehrung entlarvt solch Verlangen als Ideologie: Möge doch das Leben wie im Roman verlaufen (nämlich so jederzeit beherrschbar!). Was aber, wie die Erfahrung lehrt, nicht einmal dann möglich ist, wenn wir von der Existenz eines allmächtigen Autors (dem des Dekalogs) überzeugt sind.“

Bemerkenswert ist auf Seite 80, wie hier ein Marienkäfer die Emotionen des Schriftstellers bewegt:

„In der partiellen Isolation und Zurückgeworfenheit auf sich selber geraten sonst negierte Dinge einem in den Wahrnehmungsbereich. Ein Marienkäfer, den wir wohl als blinden Passagier mitbrachten, führt ein merkwürdiges Leben an den zwei, die Außenwand bildenden Scheiben und nährt sich von der dort dauernd kondensierten Luftfeuchtigkeit. Ein unerwarteter Gefährte. Eines Tages wird er verschwunden sein, vermutlich von der Putzfrau Mary um die Ecke gebracht. Nach einer ihrer Raumreinigung vortäuschenden Visiten vermissen wir ihn. Ein abnormes Bedauern klingt tagelang nach.“

In der modernen Weltliteratur war es Hugo von Hofmannsthal, der mit Ein Brief des Lord Chandos ebefalls einen Käfer für emotionales Mitgefühl anführte. Zu lesen war das als ein Affront an Francis Bacon, der mit Descartes die Grundlagen für die moderne instrumentelle Vernunft legte, die das Wesen von etwas nicht mehr zu erfassen vermag. Unter diesen Vorzeichen liest sich „Günter Kunert: Ein englisches Tagebuch“ wie eine Anspielung auf Hofmannsthals „Ein Brief des Lord Chandos“. Nicht nur der Sozialismus, sondern der ganze Fortschrittsglaube wird in seinem Mark getroffen. Von hier aus war es nicht weit zu Herbert Gruhl. Auch hier geht es letztlich um die vergessene Wesenheit, hier des Waldes im Wort „wood“:

„Grüne Flächen, durchsetzt mit Hecken, hier und da der solitäre Baum, für den Naturkundeunterricht stehengelassen, jeder ein Überlebender der Gegenseite bei unserem siegreichen Pyrrhuskrieg gegen die Natur. Als die Engländer als erste Europäer keinen Wald mehr hatten, fingen sie an, im Boden herumzukratzen, Kohle zum Heizen zu fördern, dann Erz, und wegen dieses oberirdischen Mankos an Brennbarem wurden sie die Vorläufer der Industrialiserung (wie Herbert Gruhl sagt), und ein anderer Autor verweist darauf, daß in dieser Sprache der Wald utilitaristisch ‚wood‘ heiße: Holz. Die Bezeichnung enthält das Verhältnis des Bezeichners zur Sache: sie ist für ihn ausschließlich eine solche.“

Die Denkbewegung und schriftstellerische Klasse, die Kunert an den Tag legt ist ebenso bemerkenswert wie die Tatsache, dass das noch in der DDR publiziert wurde. Dabei finden sich noch weniger umwundene Passagen, die dem Sozialismus bitter aufstoßen mußten, etwa jene in Klammern gesetzte, Bert Brecht zuschreibene Aussage: „(‚Im Sozialismus darf man nie was mit der Justiz und mit der Medizin zu tun kriegen!‘)“.

Zum 25. Todesjahr von Herbert Gruhl ist das ein bemerkenswerter und passender Fund, zumal er über Hofmannsthal promoviert hatte und dem Sozialismus schon früh gen Westen auswich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.