Aus der Atomkraftnutzung aussteigen

„Doch nie werden sterbliche Wesen imstande sein, die letztlich verborgenen Kräfte der Natur zu steuern.” (Herbert Gruhl, 1992)

Japan hat sich darauf verlassen, daß ihr Jahrhundertbeben von 1923 mit 7,9 auf der Richterskala für ihre Region in etwa das Erdbebenmaximum markiert. Aber wie stark ist ein Jahrtausenderdbeben? Keiner konnte das sagen. Dennoch wurde in einem dicht besiedelten Land auf Atomtechnik gesetzt, das nun die Unkontrollierbarkeit des atomaren Höllenfeuers erlebt.

Betrachtet man die Erdbebenproblematik, so ist diese in Mitteleuropa eine andere als in Asien. Das stärkste Erdbeben war in unserer Region im 14. Jahrhundert dasjenige in Basel. Dieses Beben hatte die Stärke 6,7. Für die einzelnen AKW-Standorte in Deutschland gibt es für die Sicherheitstechnik zu Grund gelegte Annahmen über mögliche Erdbebenstärken. Dabei wird nach Auffassung einiger Wissenschaftler aber übersehen, daß geologische Prozesse „sich nicht unbedingt gleichartig in die Zukunft hinein fortsetzen brauchen“, wie der in Hamburg lehrende Geograhieprofessor Eckhard Grimmel betont. Es gibt in den Wissenschaften keine einheitliche Meinung darüber, ob die Annahmen für mögliche Erdbeben, die für die Sicherheitstechnik deutscher Anlagen zu Grunde gelegt werden ausreichen.

Der Einfluß von Naturkatastrophen auf den Betrieb von Atomanlagen besteht zudem nicht nur in der Möglichkeit der Verschiebung von Erdplatten. Die Erde kann auch von einem Meteoriten getroffen werden. Statistisch ausgedrückt schlägt alle 120.000 Jahre ein großer Meteorit ein. Den genauen Zeitpunkt kennt niemand; sicher ist nur, daß die Erdbebenwellen, die solch ein Meteorit verursachen würde, ausreichen, um eine Reihe von Atomanlagen einer Situation auszusetzen wie sie in Japan eingetreten ist. Auch ein mittelgroßer Meteorit könnte für Atomanlagen beträchtlichen Schaden anrichten, vor allem wenn er die Erde ungünstig trifft.

Zu den näherliegenden Risiken zählen Terrorismus und kriegerische Handlungen. Mit konventionellen Mitteln und Waffen kann durch einen Angriff auf ein Atomkraftwerk ein atomarer Schlag inmitten eines dichten Siedlungsraumes ausgeübt werden. Die Ereignisse vom 11. September 2001 haben verdeutlicht, daß es hier um mehr als nur um eine bloße abstrakte Bedrohung geht.

Auch gab es in Europa immer wieder Beinahekatastrophen. So geriet erst 2006 ein schwedisches Atomkraftwerk mit deutscher Technik nach einer Verkettung von Pannen in eine kritische Situation. Für Glück im Unglück ist Harrisburg in die Geschichtsbücher eingegangen. Aber in Zukunft kann es auch einmal Pech im Unglück geben, das kann prinzipiell niemand ausschließen. Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt bei der Atomtechnik aber immer der Mensch. Er sitzt in Verwaltung, Politik und Wirtschaft, macht Fehler und läßt sich mitunter von niederen Beweggründen leiten. Wenn wir in Zeiten des Kulturverfalls leben, wofür einiges spricht, so befindet sich gerade hier das größte Wachstumspotential für Risiken beim AKW-Betrieb.

Neben den Risiken für einen Super-Gau durch Naturkatastrophen, Terror, Krieg und menschliches Versagen gibt es noch ungelöste Probleme mit dem Normalbetrieb. Die Endlagerungsfrage von radioaktiv strahlendem Müll ist nach wie vor ungeklärt. Was da gelagert wird, strahlt viele Jahrtausende vor sich hin. Halbwertzeiten für Isotope des Plutoniums liegen zwischen 20 Minuten und 76 Millionen Jahren. Künftige Generationen werden mit radioaktiven Stoffen vielleicht gar nicht umgehen können. Eine schwere Erblast, die da entsteht.

Viel wird von der Perfektion in der Atomwirtschaft gesprochen. Doch was da über Generationen sicher gelagert werden soll, hat im Fall des atomaren Lagers Asse keine 30 Jahre gehalten. Die Kosten dafür trägt der Bund. Es entstehen gesamtwirtschaftliche Kosten, die nur teilweise über den Strompreis zum Ausdruck kommen. Der Atomstrom wäre nicht so billig, wären nicht schon etwa 200 Milliarden Euro an Subventionen in diese Technologie geflossen.

Jeder Energieträger birgt Vor- und Nachteile in sich, die gegeneinander auszuspielen leicht ist. Es ist letztlich eine politische Entscheidung, welche Vor- und Nachteile wie gewichtet werden. Die atomaren Risiken und Probleme mit dem Normalbetrieb sind wie gesehen jedenfalls gegeben, Uranvorräte zudem begrenzt. Hinzu kommt, daß die Erzeugung von Atomstrom wenig arbeitsintensiv ist. Die Nutzung anderer Energieformen ist daher für die Schaffung von Arbeitsplätzen um so interessanter. Energie einsparen ist ebenfalls eine Option. Auch ist bei uns in Deutschland die möglich gewordene abnehmende Zahl der Verbraucher für den Strombedarf zu berücksichtigen. Daß ohne Atomstrom die Lichter ausgingen ist ein Schreckenszenario aus den 1970er Jahren, dessen unbeeindruckt viele geplante AKW erst gar nicht gebaut wurden. (Volker Kempf)

(Der Text wurde auf Anfrage der Wochenzeitung Junge Freiheit verfaßt und erschien unter der Überschrift “Risiko und Nebenwirkung” leicht gekürzt in deren Ausgabe vom 17.3.11)