Atomenergie: Ein nicht mehr kalkulierbares Risiko

                                           Von Herbert Gruhl

 

Die Atomenergie ist keine Erweiterung der Technik im üblichen Sinne. Es handelt sich vielmehr um einen qualitativen Sprung in ein unbekanntes Neuland. Wie unerforscht dieses Neuland war, das stellte sich erst in jüngster Zeit heraus, wo man auf immer neue Probleme stieß, die vorher nicht bedacht worden waren.

Die Aufspaltung des Atomkerns durch den Menschen setzt nicht nur Kräfte frei, sondern auch Stoffe und Strahlen, die in der Natur so nicht vorkommen. Das Leben konnte sich auf dieser Erde nur entwickeln, weil die Erd-Strahlung gering ist und weil die Strahlen aus dem Weltraum zum großen Teil durch die Atmosphäre und die Ozonschicht abgefangen werden. Auf diese Strahlungsdosis haben sich alle Lebewesen in einigen 100 Millionen Jahren eingestellt.

Es herrscht auch völlige Einigkeit darüber, daß weder der Mensch noch die übrige Natur mit den bei der Atomindustrie anfallenden Stoffen in Berührung kommen darf. Strittig ist nur, ob das auf die Dauer möglich ist. Dies setzt nämlich eine jederzeit absolut sichere Technik voraus, die es zugegebenermaßen noch nie gegeben hat und nie geben wird. Sie kann es schon darum nicht geben, weil der Faktor Mensch immer im Spiel bleibt; dort, wo die Technik nicht versagt hat, spricht man von „menschlichem Versagen“. Es war ein schwacher Trost, beim Umweltforum 1973 von einem Vertreter der Kernindustrie zu hören, daß die Sicherheitsvorkehrungen der Kernkraftwerke nur von denen der bemannten Weltraumfahrt übertroffen würden; denn auch bei der Weltraumfahrt hat es bereits Katastrophen in Ost und West gegeben. Gelernt wurde dabei am meisten aus den Fehlern, die gemacht wurden; aber diese dürften im nuklearen Bereich eben gar nicht eintreten.

Nun steigt die statistische Unfallwahrscheinlichkeit auch proportional dem der Atomindustrie. Inzwischen werden nicht nur Kernkraftwerke betrieben, sondern die Industrieländer errichten sogenannte Brennstoffkreisläufe. Der Hauptbestandteil dieses Kreislaufes ist Plutonium. Das ganze kann man somit eine „Plutoniumwirtschaft“ nennen.

Plutonium ist ein Element, welches in der Natur nicht vorkommt. Der Mensch erzeugt es im Leichtwasserreaktor aus Uran 238. Plutonium ist nicht nur ein langfristig strahlungsintensives Element (Halbwertzeit 24360 Jahre), es ist auch eins der gefährlichsten Gifte. Wenige Kilogramm könnten die gesamte Menschheit vernichten, wenn man es so fein verteilt. Hier soll aber Jahr für Jahr – allein in unserem Lande – nicht mit Kilogramm, sondern mit vielen Tonne Plutonium gearbeitet werden. Die aufgearbeiteten Mengen müssen dann wieder zu den Reaktoren zurücktransportiert werden; denn die „sicherste Beseitigung des Plutoniums ist seine Verbrennung“ (mit erneuter Stromerzeugung), sagen die Kraftwerksbetreiber. In der Tat, die Uranvorräte der Welt werden so schnell aufgebraucht sein, daß man diese zweite Verwendung des Brennstoffs nötig hat.

Aber das gesamte Plutonium kann dabei nicht „verbrannt“ werden. Bereits in der Wiederaufbereitungsanlage bleibt ein Rest, der sogenannte hochradioaktive Müll. Dieser muß endgelagert, d. h. endgültig, man kann sagen auf ewig, gelagert werden; denn 10 Halbwertzeiten ergeben 243.600 Jahre. Die sogenannten Salzformationen, die es in Niedersachsen gibt, bestehen zwar unverändert seit Millionen Jahren. Nur: Die Menschen haben bisher auch nicht darin gebohrt. Nun sollen solche Salzstöcke „aufgeschlossen“ werden, was natürlich ihre künftige Stabilität beeinflussen wird. Und die (in Glas eingeschmolzenen) Abfälle entwickeln Hitze. Selbst wenn alles wie geplant funktioniert, müssen die Lagerstätten über zehntausende von Jahren kontrolliert und bewacht werden. Wenn man bedenkt, was allein in dem verschwindend kurzen Zeitraum seit Christus alles über die Länder hinweggegangen ist, dann bekommt man eine schwache Ahnung dessen, worauf sich die Menschen hier einlassen.

Die technischen Probleme der Wiederaufbereitung selbst sind auch noch nicht gelöst. Obwohl alles unter Anschluß von der Außenwelt geschehen soll, so entstehen doch radioaktive Gase, die man sehr schwer, wenn überhaupt, zurückhalten kann. Dies gilt für Krypton 85, für Caesium 137, für Tritium und die hochradioaktiven Arten von Jod und den Kohlenstoff.

Ein gewaltiges Gefahrenpotential bilden auch die stillgelegten Werke. Das Strahlenpotential bleibt langfristig bestehen. Eine speziell damit befaßte amerikanische Kommission kam Ende 1976 zu dem Ergebnis, man müsse die alten Werke 100 Jahre einmauern oder bewachen, bevor man an die Beseitigung denken könne.

Militärisch stellen die laufenden und die stillgelegten Werke ein Sicherheitsproblem gigantischen Ausmaßes dar. Ende 1975 sprach ein beratender Ausschuß der Bundesregierung folgende Empfehlung aus: „Die Verträglichkeit der Errichtung zahlreicher Reaktoren mit unserer militärischen Strategie ist zu überprüfen.“ Dies ist höchst verständlich; denn bereits die modernen konventionellen Bomben und Geschosse können die Kernkraftwerke beschädigen und damit das gewaltige Strahlungspotential sowohl in Betrieb befindlicher als auch stillgelegter Werke freisetzen. Ganze Landstriche würden damit auf Dauer unbewohnbar, auch für Pflanzen und Tiere. Es braucht nicht einmal ein internationaler Krieg zu sein, auch Bürgerkriege oder terroristische Gruppen können solche Totalkatastrophen auslösen. Welche Folgen solche Ereignisse haben, das wurde im kleinen Maßstab 1976 in Seveso in Italien vorexerziert.

Auch nach Meinung seiner Befürworter wird der Leichtwasserreaktor nur eine Episode für wenige Jahrzehnte bleiben. Steht dieser kurzfristige Nutzen aber noch in einem angemessenen Verhältnis zu dem unheimlichen Erbe, das wir einer unabsehbaren Anzahl von Generationen überlassen? Die Menschheit verbraucht gegenwärtig in wenigen Jahrzehnten die Hauptmasse des Erdöls, des Erdgases und dazu auch noch Stein- und Braunkohle. Und ausgerechnet zu dieser Zeit spricht man von einer „Energiekrise“ und meint, das wenige Uran auch sofort mitverbrauchen zu müssen. Die wirkliche Energiekrise kommt erst noch, nämlich dann, wenn das Erdöl und das Erdgas zur Neige geht. Genau dann wird aber auch schon das Uran weitgehend verbraucht sein.

Gegen diese drohende Gefahr können wir in erster Linie nur durch Sparsamkeit beim Energieverbrauch sichern. Die Investition von mehr als 100 Milliarden DM in ein solches Abenteuer, wie es die Kernenergie in technischer, ökonomischer, energiepolitischer und militärischer Hinsicht darstellt, ist nicht zu verantworten. Die Atomenergie ist nicht nur heute ein unabsehbares Risiko, sie bleibt es für alle Zukunft.

 

 

 

Das Risiko der Atomkraftwerke im Kriegsfall

 

Eine höchst bemerkenswerte Antwort!

 

Von Herbert Gruhl

 

Welche Auswirkungen kann der Betrieb von Kernkraftwerken in unserem Lande auf die Strategie der Nato haben? Dies hatte der Bundestagsabgeordnete Alois Mertes (CDU) die Regierung gefragt.

Die Bundesregierung antwortete darauf, daß Kernkraftwerke „nicht wie Atomsprengköpfe detonieren“ können, aber: „Aufgrund ihres beträchtlichen Inventars an radioaktiven Stoffen stellen Kernkraftwerke dennoch ein Gefährdungspotential dar.“ Damit wird erstmalig die Gefahr eindeutig bestätigt, die sich aus einer Beschädigung auch nur eines solchen Werkes mit konventionellen Waffen ergibt. Das heißt auch, daß die Gefahr umso größer wird, je mehr Kernkraftwerke bei uns stehen. Das ist schon alarmierend genug! Höchst bemerkenswert sind aber noch zwei andere Überlegungen der Bundesregierung.

Es heißt erstens: „Es muß jedoch als wenig wahrscheinlich beurteilt werden, daß der potentielle Gegner – in der Absicht, die Bundesrepublik Deutschland zu besetzen, um deren Wirtschaftspotential möglichst unbeschädigt zu nutzen – mit sehr hohem Aufwand versuchen wird, Kernkraftwerke bevorzugt anzugreifen, um durch die Freisetzung radioaktiver Substanzen eine Geländeverstrahlung zu erzielen.“

Diese Überlegung ist völlig richtig; aber leider nur dann, wenn der potentielle Gegner die Bundesrepublik Deutschland unversehrt besetzt und – auch behält! Es ist höchst entlarvend, daß die Bundesregierung überhaupt nurden Fall in Erwägung zieht, daß der Krieg verloren ist. Den anderen Fall, die erfolgreiche Zurückdrängung des Gegners, zieht sie erst gar nicht in Erwägung! Wozu haben wir dann überhaupt eine Bundeswehr, wenn die Bundesregierung davon ausgeht, daß unser Land ohnehin einem Angreifer unbeschädigt in die Hand fällt? Dies ist so absurd, daß zu vermuten ist, daß die Bundesregierung die andere Alternative, den erfolgreichen Gegenangriff, nur verschweigt, weil nämlich der verlierende Gegner überhaupt kein Interesse mehr daran haben kann, dem Sieger das „unbeschädigte Wirtschaftspotential“ zu belassen.

Die zweite Offenbarung ist die Aussage der Bundesregierung: „Eine Zerstörung eines Kernkraftwerkes mit der Freisetzung radioaktiver Substanzen, die ein bestimmtes Gebiet verstrahlen würden, hätte für die militärische Führung keinen entscheidenden Einfluss auf die Auftragserfüllung, da die Streitkräfte in Ausbildung uns Ausstattung ohnehin auf Bewegungen in verstrahlte Gebiete eingestellt sind.“

Der Truppe macht es also gar nichts aus. Sehr gut, wenn das stimmt! Aber wie steht es mit der Zivilbevölkerung? Auf diese wird in der Antwort kein Gedanke verschwendet. Der wird bis heute noch verschwiegen, was sie bei einer „Freisetzung radioaktiver Substanzen“ – selbst zu Friedenszeiten – eigentlich tun soll.

Das Ergebnis der Antwort der Bundesregierung könnte man so zusammenfassen. Entweder: „Land dem Angreifer unbeschädigt übergeben“. Oder: „Gegner erfolgreich zurückgeschlagen – Zivilbevölkerung tot.“

 

(Aus dem Nachlaß von Herbert Gruhl abgedruckt, in: Naturkonservativ heute. Jahrbuch 2002 der Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V., Essen: Verlag Die Blaue Eule, 144 Seiten, 15 Euro. (ISBN 3-89206-088-6)