10 Jahre HGG

Jubiläumsrede, gehalten im Januar 2010 in Hannover

Volker Kempf

10 Jahre Herbert-Gruhl-Gesellschaft sind Anlaß, zunächst zurückzublicken, aber auch eine inhaltliche Ortsbestimmung zu versuchen.

Ein Rückblick muß zunächst auf das Jahr 1998 zurückverweisen. Hier hatte ich die Gelegenheit, in dem von Udo E. Simonis und Ernst U. von Weizsäcker herausgegebenen „Jahrbuch Ökologie. 1999“ die Abhandlung „Gruhls Rache oder Über die Wiederkehr des Verdrängten“ zu veröffentlichen. Wenig später stellte ich den Aufsatz in einem Gastvortrag bei den Unabhängigen Ökologen Deutschlands (UÖD) vor.

Dort ergaben sich Gespräche mit Andreas Gruhl und in Folge dessen Zugriffsmöglichkeiten auf den schriftlichen Nachlaß von Herbert Gruhl. Da lag für mich die Idee nahe, aus dem Aufsatz doch mehr zu machen, nämlich unter Rückgriff auf den Nachlaß ein ganzes Buch – zwischenzeitlich erschienen unter dem Titel „Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie“, ergänzt durch einen Band mit Herbert Gruhls Schlüsseltexten, Interviews und Reden „Unter den Karwanen der Blinden“. Sinnvoll erschien es mir, eine wissenschaftliche Gesellschaft zu gründen, die ein Jahrbuch veröffentlicht, in dem Nachlaßtexte Herbert Gruhls dokumentiert und für jedermann leicht verfügbar gemacht werden. Auch Tagungen sollten organisiert werden und wichtige Zeitzeugen zu Gehör kommen. Über diese Idee sprach ich auch mit Heinz-Siegfried Strelow, ein Historiker, der für die UÖD seinerzeit das Mitgliederheft machte. Er war der Idee zugeneigt, mehr die wissenschaftliche Aufarbeitung voranbringen zu helfen als aktiv verbandspolitisch weiterzuarbeiten. Er wurde bei der Gründungsversammlung erster Vorsitzender.

Zurück zum „Jahrbuch Ökologie 1999“. Die Grundannahme lautet hier, daß mit Herbert Gruhl eine auf Friedrich Georg Jünger zurückgehende Tradition wiederbelebt wird. Der Plan zur „Perfektionierung der Technik“ führt zur Vernutzung der Erde, heißt es bei F. G. Jünger. Dieser Plan werde „gestützt von allen ihm [dem Plan zur Perfektionierung der Technik] hörigen Wissenschaftlern, die ihm ein theologisches Fundament unterschieben, ihn biologisch rechtfertigen, moralisch begründen, mechanisch ausrüsten.“ Notwendig sei eine Abkehr vom rein mechanistischen Denken. „Die Erde bedarf des Menschen als eines Pflegers und Hirten. Wir müssen wieder lernen, sie wie eine Mutter zu behandeln. Dann werden wir auf ihr gedeihen.“

Ähnlich äußern sich die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft, was Franz Kromka in seiner – mir erst vor wenigen Jahren bekannt gewordenen – Abhandlung über deren „grünes Denken“ ausführlich darlegt. Als die Problematik von der Perfektion der Technik und der damit verbundenen Plünderung der Erde in den 1970er Jahren virulent wurde, wäre es aus Unionssicht naheliegend gewesen, auf der Suche nach einer soliden Problembehandlung bei den Gründervätern der sozialen Marktwirtschaft und ihrem „grünen Denken“ anzusetzen. Herbert Gruhl versuchte das als Unionspolitiker auch. Dies nicht unbedingt systematisch, aber Gruhl schöpfte immer wieder aus deren Schriften wie jenen von Alexander Rüstow oder Wilhelm Röpke und zitierte sie.

Doch die CDU war längst eine der Wirtschaft gegenüber hörige Partei geworden, mehr an Lobbyismus als an Umweltvorsorge interessiert. Gruhl wurde, wie man mit Helmut Schelsky sagen könnte, „in den Leerlauf abgelenkt“. Gruhl mußte die parteipolitische Ebene wechseln und damit eine den Gründervätern der sozialen Marktwirtschaft eigentlich verpflichtete Partei verlassen. In der grünen Bewegung hatten dann natürlich mehr diffus neomarxistische Überlegungen Bedeutung. In jener Bewegung konnte man die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft zwar nicht – einer damals schon beliebten Strategie gemäß – als verkappte Nazis stigmatisieren, weil sie schließlich Emigranten waren oder wenn nicht, mindestens dem geistigen Widerstand zuzurechnen waren. Also hat man sie einfach ignoriert. Nur Herbert Gruhl, den konnte man nicht ignorieren, also wurde er bekämpft.

Politik nicht auf eine solide Grundlage zu stellen, sondern in solchen Schulstreitigkeiten zu zerreiben, ist schlecht für die Wirklichkeit. Dabei geht es teilweise um so einfache Dinge wie den Sachverhalt, daß man nicht immer mehr Schulden machen und gleichzeitig die Steuern senken kann, was in „Das grüne Manifest“ aus dem Jahre 1978 nachzulesen ist und heute prekärer ist als damals.

Es ist nicht nur so, daß Herbert Gruhl ins Leere gelaufen lassen wurde. Sein Denken hinterließ auch Spuren, wurde aber verwässert. Man bediente sich selektiv. So haben wir heute die Situation, daß Bärbel Höhn im Deutschlandfunk zwar Gruhls „Ein Planet wird geplündert“ und die darin formulierte „planetarische Wende“, von den Grenzen der Erde her zu denken und zu handeln, protegiert, aber die analytisch unbestreitbar wichtige Variable Bevölkerungsdichte einfach ausklammert, was für eine Mathematikerin schon bemerkenswert ist. Unter kandidatenwatch.de betont Höhn auch 2008 eigens, daß für sie diese Variable nicht relevant sei, sondern der ökologische Fußabdruck verkleinert werden müßte, womit sich dann alles in Wunschdenken verliert. Und die ÖDP, die erwähnt Gruhl gelegentlich, um sich mit einem prominenten Namen wichtig zu tun, weil ihre Partei gerade außerhalb Bayerns ansonsten vielen unbekannt ist, läßt ihn alsdann aber fallen wie eine heiße Kartoffel und hält sich für etwas besseres und für klüger – Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber auch die CDU hat mit Gruhls Mißachtung an geistiger Substanz verloren. Das wird nur selten zugegeben, weil das darauf hinausliefe, eigene Schwächen einzugestehen. Alle Hoffnungen ruhen damit auf den Wissenschaften. Doch hier zeigt sich weiterhin, daß die Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik verschwommen sind. So liest man in einem neueren „Handbuch der deutschen Parteien“ unter dem Eintrag zur ÖDP beispielsweise affektbeladene Begriffe gegenüber Gruhl. Doch genaueres erfährt niemand. Das ist ein klassischer Fall von tendenziöser Präparierung. Eingestreut wird noch, daß wegen Gruhls angeblichem Führungsstil sogar Rechtsstreitigkeiten geführt wurden. Muß ja ein schlimmer Mann, ein autoritärer Charakter sein, den Frankfurter Schüler einst als sado-masochistisch definierten. Im Literaturverzeichnis ist dann immerhin das Buch „25 Jahre ÖDP“ angeführt, so daß man weiß, woher dieser Unsinn stammt. Denn in diesem Buch äußert sich ein Peter Schröder über Herbert Gruhl, der in der Tat einen Rechtsstreit mit letzterem hatte, aber nicht wegen dessen Führungsstils. Im Gegenteil, Gruhl hatte Schröder, damals Bundesvorstandsmitglied, wegen Verleumdung verklagt, also wegen eines Verstoßes gegen das bürgerliche Gesetz und gewonnen. Das ist dann das Gegenteil dessen, was das besagte Handbuch verbreitet, das bezüglich der Rechtsstreitigkeiten ausgerechnet auf jenen setzt, der in der betreffenden Sache auf der ganzen Welt am meisten befangen ist.

Nun muß man hinzufügen, daß das leider nicht eine Ausnahmeerscheinung ist, sondern tendenziöse Darstellungen in den Wissenschaften die Regel sind, so daß man nur mit Gottfried Benn beschließen kann:

„Das Abendland geht nicht zugrunde an den totalitären Systemen oder an den SS-Verbrechen, auch nicht an seiner materiellen Verarmung oder an den Gottwalds oder Molotows, sondern an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Begriffen.“ (Gottfried Benn)

Damit will ich nun aber nicht mit dem Untergang des Abendlandes schließen. Im Gegenteil, Substanzpflege ist nötig. Dazu gehört die Pflege der gedanklichen Leistungen der Gründerväter der Bundesrepublik, denen auch andere verbunden sind als nur die Gruhl-Gesellschaft, etwa Meinhard Miegel. Die Herbert-Gruhl-Gesellschaft wird gleichwohl ihre Besonderheiten zu beachten haben, das ist die Pflege all jener analytisch so wichtigen Punkte, die im Parteienproporz bis in die Sozialwissenschaften hinein ausgeblendet werden.

Der Dank gilt abschließend Heinz-Siegfried Strelow, der als erster Vorsitzender immer besonderen Wert darauf gelegt hat, daß Zeitzeugen im Jahrbuch oder auf Tagungen zu Wort kommen, was ich versucht habe beizubehalten – auch heute werden wir mit Rolf Stolz einen Zeitzeugen hören, die Gründungszeit der Grünen betreffend …      

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